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USA und Libyen: eine Piratengeschichte

Leseprobe aus "Piratennest und Drachenkopf. Piratengeschichten aus dem Mittelmeer" von Michael Sumper und Maria Schukle mit auffälligen Parallelen zur heutigen Zeit.
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Die Korsaren von Tripolis


Eine Piratengeschichte der neueren Art spielte sich um 1800 in Tripolis im heutigen Libyen ab.

An der knapp 2.000 Kilometer langen Küste lagen im Westen die Provinz Tripolitanien mit der Hauptstadt Tripolis und im Osten die Provinz Cyrenaika mit der Hauptstadt Derna. Diese Regionen bestanden aus einem fruchtbaren, dicht besiedelten Küstenstreifen und einem großen wüstenähnlichen Hinterland. Die dritte Region war Fezzan und lag 700 Kilometer weiter im Süden, mitten in der Wüste.

Das gesamte Gebiet bildete seit dem 16. Jahrhundert mit Algier und Tunis einen Teil des Osmanischen Reiches. Der Sultan in Istanbul ließ seinen Statthaltern freie Hand, sofern sie ihren jährlichen Tribut zahlten und ihre Gefolgschaft in allen Angelegenheiten bis hin zum Krieg leisteten.

Die Einnahmequellen, die so ein Statthalter hatte, flossen spärlich. Der Handel mit Sklaven, die aus dem inneren Afrikas verschleppt wurden, der alljährliche Zug der Pilger die Küste entlang nach Mekka und Medina, ein wenig Landwirtschaft - mehr gab es nicht. Für den jährlichen Tribut an den Sultan und den Sold für die eigenen Truppen reichten diese Einnahmen bei weitem nicht aus. Das richtig große Geld kam vom Norden her, über das Meer, ins Land.

Die Barbareskenstaaten, wie diese afrikanischen Länder genannt wurden, verfügten alle über eine zusätzliche Einkommensquelle: die Piraterie. Sie beherrschten die Handelsrouten der Mittelmeerländer und schlossen Verträge mit Großbritannien und Frankreich, die sogar eigene Gesandtschaften vor Ort hielten, um die nötigen Passierscheine für ihre Schiffe und Händler zu erhalten. Leid tragende an dieser Situation waren kleine Länder wie Venedig, Genua, Malta, Griechenland und die deutschen Staaten, die ebenfalls Handelsinteressen in der Region hatten. Reisen in dieses Gebiet ohne einen Passierschein stellten zur damaligen Zeit für Händler ein sehr großes Risiko dar. Ein reicher Kaufmann konnte sich mit hohen Lösegeldzahlungen oft erst nach Jahren freikaufen. Arme Mannschaften brachten hingegen häufig ihr restliches Leben in Versklavung zu.

Diese Freibeuter, die Jagd auf jedes Segel in ihren Gewässern machten, nannten sich nicht Piraten, sondern Korsaren, und handelten im Auftrag ihres Landes. Das Wort Korsar leitet sich vom französischen „la course", die Kaperfahrt, ab. Jedes Land, das keinen Schutzgeldvertrag abgeschlossen hatte, wurde von den Korsaren als Kriegsgegner und dementsprechend als freie Beute angesehen. (Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass England und Spanien dasselbe erst 100 Jahre zuvor in der Karibik betrieben haben: Piraterie aus Staatsräson.)

Auch die USA gehörten zu den Staaten, die - zum Ärger der Engländer und Franzosen - damals im Mittelmeer Handel trieben.

Zu jener Zeit herrschte Jussef Karamanlis in Tripolis, ein brutaler, cholerischer, aber sprachgewandter Despot, der mit dem Verhandlungsleiter der USA zuerst einen Vertrag aushandelte und den Preis um ein Vielfaches erhöhte, als er herausfand, dass die Herren von Tunis und Algier die besseren Verträge mit den Amerikanern abgeschlossen hatten. James Cathcart, der Verhandler auf der Gegenseite, hatte jedoch weder das Geld noch Verhandlungsspielraum und konnte eigentlich nichts tun. In Folge überfielen Janitscharen das Konsulat, holten die Flagge ein und nahmen Cathcart mitsamt seiner Familie gefangen. Das war eine offene Kriegserklärung gegen die USA. Doch die Marine der USA war erst im Aufbau, es fehlte an allem und jedem und über das Mittelmeer und im Besonderen über die Moslems und deren Mentalität war schon damals sehr wenig bekannt. 3 Jahre lang versuchten die Amerikaner, Karamanlis durch eine Seeblockade zu zermürben - ohne jeden Erfolg.

1802 erweiterte Präsident Thomas Jefferson die Rechte für den Kriegsfall. Dies führte 1803 zum Fiasko: Ende Oktober verfolgte die Fregatte „Philadelphia" ein tripolitanisches Piratenschiff und lief, da sich die Korsaren in dem Gebiet wesentlich besser auskannten, während der Verfolgungsjagd auf ein Riff auf. Die Mannschaft mit 308 Mann ergab sich nach anfänglicher Beschießung ohne Kampf. Die Fregatte wurde nach Tripolis geschleppt und zum Hohn der US-Marine im Hafen der Stadt ausgestellt. Auch die Möglichkeit, das amerikanische Schiff mit seinen 44 Kanonen mit Korsarenbesatzung als Piratenfregatte gegen die Schiffe der Amerikaner einzusetzen, stand damals ernsthaft im Palast zur Debatte.

Diese Schmach weckte den Ehrgeiz der Amerikaner und sie starteten eine geheime Kommando-Aktion, bei der sie die eigene „Philadelphia" im Hafen von Tripolis mit Brandsätzen und Sprengstoff zerstörten. Doch die Mannschaften befanden sich noch immer in der Hand des unberechenbaren Despoten: Offiziere im amerikanischen Konsulat, die Mannschaft als Arbeitssklaven. Eine Million Dollar Lösegeld forderte Karamanlis. Nachdem auch eine weitere Verhandlung und eine neuerliche Beschießung von See aus nicht den gewünschten Erfolg brachte, heckte man etwas Neues aus: Ahmed, der Bruder von Karamanlis (einen zweiten Bruder hatte er vor den Augen seiner eigenen Mutter getötet), lebte im Exil in Ägypten. Er wurde zum „Agenten der amerikanischen Marine" ernannt und sollte als Gegenherrscher in Derna in der Provinz Cyrenaika aufgebaut werden, um von dort aus die Macht von Karamanlis zu brechen. Orient-Experten warnten zwar davor, dass ein Herrscher, der mit christlicher Hilfe an die Macht käme, sich in einem moslemischen Land niemals halten können würde, aber die Amerikaner achteten nicht darauf ...

Nachdem Ahmed nicht dazu zu bewegen war, mit einem Schiff die Reise zu machen (vermutlich fürchtete er die Seekrankheit oder hatte berechtigte Angst vor Piraten), durchquerten ein knappes Dutzend amerikanischer Soldaten und an die 500 aus aller Herren Länder zusammengewürfelter Söldner, von einigen Beduinen mehr oder weniger geführt, die Wüste. Nach 7 Wochen Marsch kamen sie, da sie diese Reise und die „Reiseleiter" sträflich unterschätzt hatten, ziemlich erschöpft in der Küstenstadt Derna an.

Der Provinzstatthalter gab dennoch rasch auf, übergab die Stadt den einrückenden „Truppen" und zog sich in seinen Harem zurück. Karamanlis hatte auch eine Streitmacht zusammengestellt und belagerte seinerseits bald darauf Derna, was die vorhergehenden Sieger wiederum zu Belagerten machte.

Dann kam die für alle überraschende Wende. Die Amerikaner hatten mit Jussef Karamanlis auf diplomatischer Ebene einen „ehrenvollen Friedensvertrag" abschließen können und ihre Leute freigekauft. So wurde Ahmed als neuer Herrscher nicht mehr unbedingt gebraucht. Alle, die mit den Amerikanern mitmarschiert waren, wurden der „Gnade" des Siegers überlassen. Ahmed und die Amerikaner schlichen auf das Kriegsschiff „Constellation", das zu ihrer Evakuierung erschienen war, und verließen rasch das Land und das Mittelmeer.

Einer schrieb in sein Tagebuch: „Sechs Stunden zuvor hat der Feind Schutz vor ihnen in der Flucht gesucht, nun geben wir sie in die Hand des Feindes aus keinem anderen Verbrechen als dem, zu großes Vertrauen in uns gehabt zu haben."

Auf diesen seltsamen Piratenkrieg beruft sich die amerikanische Marine seit damals mit Stolz, denn man singt dort bis heute: „From the Halls of Montezuma to the shores of Tripoli, we fight our country`s battles ..."

Piratennest und Drachenkopf von Michael Sumper und Maria Schukle

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