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Sehnenverkürzung

Die Sehnenverkürzung, die keine Sehnenverkürzung ist, sondern eine Krankheit des Unterhautbindegewebes
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© Dr. Veith Moser / Morbus Dupuytren präoperativ / Zum Vergrößern auf das Bild klicken

Krummfinger – Morbus Dupuytren

Wenngleich unsere Hände ganz nüchtern als „armverlängernde Tast- bzw. Greiforgane“ bezeichnet werden können, sind sie doch so viel mehr. Sie dienen sowohl der Kommunikation als auch als Werkzeuge, sind Hilfsmittel im Alltag sowie für beinahe jede Tätigkeit unverzichtbar. Wir verwenden sie ganz selbstverständlich und verlassen uns auf ihre Funktionalität. Erkranken sie, sind verletzt oder beeinträchtigt, wird praktisch alles zum Problem.

© Veith Moser / Dr.med.univ. Veith Moser / Zum Vergrößern auf das Bild klickenEine Erkrankungsform, die das tägliche Leben massiv erschwert und von der vor allem Männer betroffen sind, ist der so genannte Morbus Dupuytren, aus dem die Dupuytren’sche Kontraktur resultiert. „Es handelt sich hierbei um eine gutartige Bindegewebswucherung, also um eine Fibromatose, die chronisch ist und in Schüben verläuft.“, erläutert der Wiener Handchirurg Dr. Veith Moser. „Zu Beginn kommt es zur Kollagenknotenbildung in der Handinnenfläche. Diese Knoten verdicken sich im weiteren Verlauf und bilden in der Folge einen Strang, manchmal mehrere Stränge. Häufig betrifft es den Ringfinger oder den kleinen Finger, weshalb diese im Laufe der Zeit eingezogen werden. Die Patienten können zwar eine Faust machen, den befallenen Finger aber nicht mehr ganz ausstrecken.“

In diesem Stadium spricht der Mediziner von der Dupuytren’schen Kontraktur, denn unter Kontraktur versteht man eine Verkürzung oder Schrumpfung von Gewebe, die zu Bewegungseinschränkungen bzw. Zwangsfehlstellungen führen kann. Veith Moser präzisiert: „Die Erkrankung ist zwar nur selten mit Schmerzen verbunden (etwa bei Kraftfahrern oder auch bei Golfspielern), erschwert ab einem gewissen Grad allerdings einfachste Tätigkeiten wie Rasieren oder Essen. Der Finger ist ständig im Weg, die Hand lässt sich nicht mehr in die Hosentasche oder in einen Handschuh stecken.“ Die Ursache ist nicht, wie oft irrtümlich angenommen, eine Sehnenverkürzung, sondern eine Wucherung des Unterhautbindegewebes mit einer Bindegewebsstrangbildung. Die Ursache des Morbus Dupuytren sei bislang nicht eindeutig geklärt, sicher sei aber, dass er familiär gehäuft auftrete, was für eine genetische Prädisposition spreche, so der Experte. „Interessant ist außerdem, dass dunkelhäutige Menschen praktisch nicht davon betroffen sind.“

Chirurgische Behandlung

Nachdem es sich um wucherndes Bindegewebe handelt, scheint die Vorgehensweise zur Eliminierung desselben klar: Aufschneiden und entfernen. Da es sich bei einer Hand aber um ein komplexes Gebilde handelt, das unter anderem auch Nerven und Sehnen beinhaltet, ist die Behandlung jedes Patienten individuell unterschiedlich und sollte nur von erfahrenen Chirurgen durchgeführt werden.

© Dr. Veith Moser / Morbus Dupuytren intraoperativ / Zum Vergrößern auf das Bild klicken„Uns stehen mehrere chirurgische Verfahren zur Verfügung.“, erklärt Dr. Moser. „Im Rahmen der partiellen Fasziektomie entferne ich den Strang, im Rahmen einer kompletten das gesamte Bindegewebe. Ist die Haut durch die Erkrankung extrem in Mitleidenschaft gezogen worden, empfiehlt sich eine Dermofasziektomie, wobei Haut und Bindegewebe entfernt werden und mittels Hauttransplantat die Wunde geschlossen wird. Die Fasziotomie wiederum sieht lediglich die Durchtrennung des Stranges mit Hilfe eines Skalpells oder einer schneidenden Nadel vor.“ Je nach Vorgehen und Zustand des Patienten sei eine Vollnarkose oder eine Regionalanästhesie erforderlich. Des Weiteren müsse man bezüglich des Operationsverfahrens auch unterscheiden, ob es sich um eine Erstoperation handelt. „Leider ist ein Wiederauftreten der Erkrankung möglich, weshalb manche Patienten mehrfach chirurgisch behandelt werden müssen. Da durch die Fehlstellung des betroffenen Fingers die Gefäße in Mitleidenschaft gezogen werden, kann es zu Durchblutungsstörungen kommen, sobald er wieder in eine Streckposition gebracht wird. Wir wägen also genau ab, wofür ein Patient in Frage kommt, um nicht zu riskieren, dass er einen Finger verliert. Das gilt aber, wie gesagt, in erster Linie für mehrfach voroperierte Patienten, deren Gefäße möglicherweise verletzt wurden.“ Werde ein Patient zum ersten Mal aufgrund von Morbus Dupuytren operiert, sei eine radikale Entfernung empfehlenswert, um ein Wiederauftreten zu verhindern oder möglichst lange hinauszuzögern. „Nicht wenige Mediziner scheuen sich, die Dupuytren’sche Kontraktur zu operieren. Das ist durchaus verständlich, wenn man bedenkt, dass der Strang dem durch die Handfläche verlaufenden Nerv sehr ähnlich sieht. In Folge der Kontraktur sind die Strukturen unterhalb der Haut sehr verzogen, weshalb Nerven oftmals nicht mehr dort liegen, wo sie bei gesunden Menschen zu finden sind.“, gibt Dr. Moser zu bedenken. „Welche Situation wir vorfinden, können wir vor der Öffnung der Hand nicht mit Sicherheit sagen. Erfahrene Chirurgen sind damit vertraut, wenngleich natürlich jeder Eingriff mit Risiken verbunden ist.“

Wie lang sich der Patient von der Operation erholen muss, hängt vom jeweiligen Verfahren und davon ab, ob es sich um einen Ersteingriff oder eine Folge-OP handelt. Mit physiotherapeutischen Maßnahmen wird in der Regel am fünften Tag nach dem Eingriff begonnen, intensive Einheiten sind nach einer vollständigen Abheilung der Wunde möglich. Die Fäden werden nach 14 Tagen entfernt, der Eingriff selbst zieht eine drei- bis sechsmonatige nächtliche Schienung (mittels Schiene werden die Finger in einer Streckstellung gehalten, Anmerkung) in Kombination mit Physio- und Ergotherapie nach sich.

Nicht-chirurgische Behandlung

Ende 2011 wurde in Österreich ein neuer Wirkstoff zur Behandlung der Dupuytren’schen Kontraktur vorgestellt. Ein Enzym mit kollagenauflösender Wirkung wird im Rahmen dieser alternativen Behandlungsmöglichkeit in den Strang injiziert, um zur Auflösung desselben zu führen. Am nächsten Tag wird er, sofern es nicht von selbst geschieht, durch den behandelnden Arzt aufgebrochen.

© Dr. Veith Moser / Dupuytrensche Kontraktur Morbus Dupuytren / Zum Vergrößern auf das Bild klicken„Bis dato ist der revolutionäre Effekt diesbezüglich ausgeblieben – wohl auch deshalb, weil es keine generelle Kostenübernahme von den Krankenkassen gibt.“, weiß Dr. Moser zu berichten, der das Mittel bei einigen Patienten angewendet hat. „Es kann eine Alternative zur Operation darstellen, der Einsatz ist vom erfahrenen Handchirurgen genau und gemeinsam mit dem Patienten abzuwägen. Bei falscher Anwendung oder unter gewissen Umständen kann es dazu führen, dass sich Sehnen und andere Strukturen ebenfalls auflösen oder es zu Rissen in den Beugesehnen kommt. Das hat dramatische Folgen für den Betroffenen und kann mehrere Operationen notwendig machen. Glücklicherweise sind diese gravierenden Komplikationen sehr selten.“ Für gewisse Stadien (fortgeschritten, deutlicher Hohlhandstrang, Anmerkung) sei es in den Händen erfahrener Handchirurgen möglicherweise eine gute Alternative, „das Standardverfahren ist in meinen Augen derzeit aber noch immer die Operation“, ist Dr. Moser überzeugt. Da die gesetzliche Krankenkasse die Kosten für diese Methode nicht übernimmt, muss der Patient die Behandlung größtenteils selbst tragen. „Was für die Kollagenaseinjektion spricht, ist die Tatsache, dass man sich den Risiken einer Operation nicht aussetzt und weniger Erholungszeit braucht. Allerdings ist auch diese Behandlung nicht komplikationslos, allergische Reaktionen sowie Risse der Haut beim Aufbrechen des Stranges sind nicht ausgeschlossen. Ich injiziere das Mittel nur im Spital, um auf alle Eventualitäten entsprechend reagieren zu können.“

Zu weiteren konservativen Methoden zählen die perkutane Nadelfasziotomie, bei der mit einer speziellen Nadel in den Finger oder die Handfläche gestochen wird, um mittels sägeförmiger Bewegung das Gewebe zu durchtrennen sowie die Strahlentherapie, in deren Rahmen die Knoten im Frühstadium der Erkrankung mittels Röntgenstrahlen am Wuchern gehindert werden sollen.

Neben Morbus Dupuytren zählen Morbus Ledderhose an den Fußsohlen sowie die Induratio penis plastica (IPP) bei der es sich um eine Penisverkrümmung handelt, zu den Fibromatosen. „Manche Patienten berichten, dass ihre Fußsohlen ebenfalls betroffen sind, seltener ist die Kombination mit einer Penisverkrümmung, obwohl das allerdings auch vorkommen kann.“, erklärt Veith Moser.

Wer derartige Veränderungen an sich entdeckt, sollte sich an entsprechende Experten wenden, um sich eingehend beraten und sich die passende Behandlungsform erklären zu lassen. Fibromatosen sind zwar nicht lebensbedrohlich, können das Leben aber nachhaltig erschweren und einschränken.

Nähere Informationen:
www.veithmoser.at

Ein Gesundheitsbeitrag von Mag. Sonja Streit.
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