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Heidelinde Weis: Augusto

Aus dem Buch: Mit dem Fahrrad nach Rom von Katharina Springer.
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Cover: Mit dem Fahrrad nach Rom, © Carinthia Verlag

Augusto

Heidelinde Weis / Zum Vergrößern auf das Bild klickenEs ist Winter in Kärnten. Ein herrlich sonniger Tag im tiefverschneiten Köstenberg. Heidelinde Weis gegrüßt mich in einen warmen Parka gehüllt gemeinsam mit ihrem Hund am Gartentor ihrer ausgedehnten Liegenschaft hoch über dem Wörthersee. Wir legen ab, ich staune über die Agilität und Ungezwungenheit meiner Gesprächspartnerin. Sie führt mich in ihr Arbeitszimmer mit herrlicher Aussicht auf die Karawanken. Ein bequemes Sofa, dunkle Trambalken an der Decke, zahlreiche Bilder und eine große Bibliothek. Einen starken Kaffee später unterhalten wir uns über ihre Biografie. Sie hat sehr viel Theater gespielt, bevor sie zum Fernsehen wechselte. Ich erinnere mich an Episoden vom Traumschiff in der Karibik und in Vietnam und frage sie nach Aufnahmen – die zeigt sie mir dann auch – mit Sascha Hehn und vielen anderen bekannten Gesichtern. Auf meine Frage, welche Reise ihr persönlich am besten in Erinnerung ist, holt sie ein in Leder gebundenes Fotoalbum hervor, das bei ihrer Mutter in der Wohnung stand, denn viele ihrer eigenen Fotos sind vor Jahren bei einem Brand verloren gegangen. Dieses Album blieb unversehrt, genauso wie die Erinnerungen darin. Ich bin über den Inhalt einigermaßen verwundert, überrascht und erstaunt. Während wir darin blättern, beginnt sie zu erzählen…

Augusto / Zum Vergrößern auf das Bild klickenIch saß mit meinem Mann Hellmuth im Wohnzimmer, als wir im deutschen Fernsehen einen sehr gut gemachten, sachlichen Bericht über Patenschaften in Entwicklungsländern sahen. Sehr detailliert wurden die Lebensbedingen dieser Kinder geschildert. Wir hatten selbst keine Kinder und entschlossen uns spontan zu helfen. Wir wurden daraufhin im Jahr 1978 über die deutsche Kindernothilfe die Paten von zwei Buben in einem brasilianischen Kinderheim. Mein Patensohn hieß Augusto, der meines Mannes Attaide. Eine „Verpflichtung“, die erst nur in Form einer finanziellen Unterstützung erfolgte: 50 Mark monatlich für ein Kind. In den kommenden Jahren bekamen wir immer wieder Briefe von „unseren“ Kindern bzw. deren Betreuern, über die wir uns sehr freuten. Trotzdem blieben uns die Buben irgendwie fremd, aufgrund der Distanz und der kulturellen Unterschiede. So wichtig und gut gemeint sie auch ist - eine Patenschaft ist eben „nur“ eine Patenschaft.

Augusto / Zum Vergrößern auf das Bild klickenIm Jahr 1982 bekam ich dann von Schwester Dora, die zusammen mit ihrem Bruder Pater Lancisio das Kinderheim in Silvãnia leitete, einen sehr emotionalen Brief, in dem sie beschrieb wie mein Patenkind Augusto, mit seinen zwölf Jahren wieder zu sprechen begonnen hatte und sich nach mir erkundigte. Dora berichtete mir, dass Augusto von seiner Mutter ausgesetzt und von einem Heim zu nächsten „gereicht“ wurde, bis er schließlich eine Heimat im Aprendizado Agricola San Josè fand. Das Findelkind war also traumatisiert, und verweigerte das Sprechen. Als ich ihm mehrere Briefe schrieb, taute er schließlich auf. Er fand seine Sprache wieder und wollte wissen, wer sich da um ihn kümmert. Er sah mich als eine wichtige Bezugsperson an. Ich entschloss mich zur Abreise nach Brasilien…

Lesen Sie mehr über Augusto und Heidelinde Weis in „Mit dem Fahrrad nach Rom. Reiseberichte prominenter Kärntner“ von Katharina Springer.

     
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