Zum Thema Genuss fällt einem meist nicht gleich Baden-Württemberg ein – ein großer Irrtum, den eine kleine Rundreise sehr schnell aufklärt. Eine wahre Genussreise, auch kulinarisch. Denn neben prachtvollen Schlössern, romantischen Burgruinen, Kunst und Kultur - und nicht immer gefälliger, aber oft interessanter Architektur – kann man auch den Gaumen erfreuen.
Heidelberg
Von Heidelberg hat wohl jeder schon einmal gehört. Hier nahm die Romantik ihren Anfang, hier schwärmten Achim von Arnim und seine Frau Bettina, Clemens Brentano (deren Bruder), Hölderlin und Uhland beim Anblick der talbeherrschenden Ruine von „Des Knaben Wunderhorn“; Joseph von Eichendorff gehörte zum „Heidelberger Kreis“, wie auch die Brüder Grimm, die Brüder Schlegel und viele andere Künstler, man kam von überall her, um sich der Romantik hinzugeben. Sogar aus England: William Turner wurde hier zu magischen, fantastischen Landschaften inspiriert. Vor allem von der Schlossruine. Die Burg wurde, wie ganz Heidelberg, Ende des 17. Jahrhunderts durch französische Truppen niedergebrannt. Sie wurde nicht wieder aufgebaut - und so zu einer der berühmtesten Schlossruinen Europas, zum Symbol der Romantik - die Stadt hingegen ließ man auf dem mittelalterlichen Grundriss wieder im Barockstil errichten. Die damals geprägte, nicht gerade schmeichelhaft klingende Bezeichnung „Barockstadt für Arme“ war eigentlich lobend gemeint: dass sie nämlich trotz der Armut der Bevölkerung errichtet werden konnte.
Eine Zerstörung im 2. Weltkrieg blieb Heidelberg erspart, der Ort ist bis heute der Inbegriff für Romantik. Und für studentische Umtriebe. So gibt es die nette Geschichte vom „Studentenkuss“, seit 1863 in der Haspelgasse im Café Knösel zu erstehen: einer Praline in kleinem Schächtelchen. Darin konnte man geheime Botschaften verstecken und sie der Angebeteten völlig unschuldig unter den Augen der Gouvernante überreichen. Ein anderer studentischer Schabernack war zwischen 1780 und 1914 das Bemalen des Studentenkarzers: Wer auf sich hielt, schaffte es, sich eine Strafe aufbrummen zu lassen, um sich dann an den Wänden und an der Decke des Arrests zu verewigen. Zeugnisse der stolzen Bestraften, Graffiti, Gedichte, Karikaturen und Liebesschwüre sind bis heute erhalten und vor Ort zu besichtigen. Wie auch viele Studentenkneipen, vor allem in der „Unteren Straße“, von den heutigen Studenten – 20% der Einwohner studieren an der Uni Heidelberg – bis in die Nacht hinein heftig frequentiert.
Junge und ältere Heidelberger treffen sich auch gerne im Schafheutle, dem „Süßen Herz von Heidelberg“, einer Konditorei mit überraschend großem, üppig grünem Innenhof, Teil der alten kurfürstlichen Gärten. 1832 gegründet, 1933 von Otto Schafheutle übernommen, war es ein beliebter Treffpunkt der Schauspieler des Heidelberger Stadttheaters. Bis heute in Familienhand, bäckt der jüngste Spross, ein besonders freundlicher junger Konditor, die Spezialität des Hauses nach einem Rezept seines Urgroßvaters: die „Schlosstorte“, Schichten von Nougat und Marzipan. Die Rhabarbertorte gibt es leider nur kurze Zeit (alles wird hier frisch verwendet), sie wird von Einheimischen immer schon sehnlichst erwartet, wer sie gekostet hat, weiß warum. Noch eine Spezialität: Eistee mit einer Kugel Zitroneneis, eine wirklich erfrischende Idee.
Abends setzt man sich am besten auf die Dachterrasse des Hotels Plaza Premium: Im „Jil“ serviert man zum 360° Panorama-Blick auf Ruine, Neckar und Sonnenuntergang einen romantischen Sundowner, vielleicht ein paar Austern; oder Kalbs-Tomahawk Tonkatsu Style, glasierte Shortribs und einen gratinierten halben Hummer mit getrüffelten Potato Dippers? Oder, später, Beats & Bottles, zu denen Heidelbergs Jugend bis in die frühen Morgenstunden tanzt.
Weiter nach Schwetzingen, in die „Spargelstadt“. So genannt, weil hier seit 1668 Spargel angebaut wird. Zuerst von Handwerkern zum Eigenbedarf unter Blumenkübeln herangezogen, ab 1875 auf großen Flächen in langen Erdhügeln kultiviert, fand man allgemein Geschmack an dem Stangengemüse, auch „königliches Gemüse“ genannt, weil man sich zur Ernte bücken, also verbeugen muss. Ein erster Spargelmarkt 1894, eine Spargel-Ordnung (bis heute gilt Klasse 1, dick und gerade, bis Klasse 4, Suppenspargel) und neue Züchtungen brachten Schwetzinger Spargel, das „weiße Gold“, auf die Teller in ganz Europa. Traditionellerweise bis zum Johannitag, dem 24. Juni – dann ist Schluss bis zum nächsten Jahr.
Doch Schwetzingen könnte auch Palast-Stadt heißen: Das Schwetzinger Schloss mit seinen weitläufigen, barocken Parkanlagen, 1750 von einem Wasserschlösschen zu einem Prunkpalast ausgebaut und angelegt, darf sich, mit seinen Brunnen, Statuen, versteckte Baumnischen, kleinen Bächlein, einer profanen Gartenmoschee („Tempel der Weisheit“), Laubengängen, Orangerie, einem Apollotempel und einem Schlosstheater durchaus mit Versailles vergleichen. Eine Sommerresidenz vom Feinsten, die Kurfürst Karl Theodor von der Pfalz mit seinem riesigen Gefolge (etwa 1000 Personen) ab 1720 jährlich besuchte, damit Schwetzingen belebte – und wohlhabend und bekannt machte. Voltaire, Casanova, Christoph Willibald Gluck, Mozart und viele Musikerfamilien besuchten es oder lebten in Schwetzingen: nach Neuschwanstein die meist besuchte Sehenswürdigkeit Deutschlands.
Oder man nennt Schwetzingen die Kunst-Stadt: ein „Museum Blau“, das „...einzige seiner Art auf unserem blauen Planeten...“, vom Kunsthistoriker Dr. Dietmar Schuth gegründet, zeigt an Wochenenden in 15 Räumen und einem gestalteten Hof die Kultur- und Naturgeschichte der „wundervollen Farbe“. Immer wieder überraschen in Schwetzingen Statuen, Installationen, gestaltete Bänke und kreative Ausstellungen.
Und dann gibt es da noch einen Kochkünstler, Tommy Möbius. Nachdem er sein Handwerk bei renommierten Köchen erlernt hatte, ging er nach Wien, wo er im Restaurant „Fabios“ und im „Restaurant Bauer“ drei Michelin-Sterne erkochte. Seit 2017 beglückt er von Mittwoch bis Samstag mit mehrgängigen Kostbarkeiten höchstens 18 Gäste im „Moebius“, seinem hübschen, kleinen, intimen Lokal, von außen total unscheinbar. Gemeinsam mit seiner Frau Elli, einer Wienerin, die als Sommelière Tipps aus dem ausführlichen Weinkeller gibt. Vom Menü lässt man sich am besten überraschen, serviert wird, was gerade frisch zu haben ist.
Nächste Station: Karlsruhe. Die „Fächerstadt“ (im Gegensatz zu Mannheim, der „Quadratestadt“). Der Legende nach so genannt, weil die Gattin von Markgraf Karl Wilhelm ihren Fächer verloren hatte, die Suche danach ermüdete, und der Markgraf hier ein Schlummerstündchen einlegen musste. Oder, weil Karl Wilhelm auf Jagdausflug 1717 im Hardtwald eingeschlafen war und von einem prachtvollen Schloss inmitten von Sonnenstrahlen geträumt hatte. Vielleicht auch einfach, weil es ihm hier gefiel, neben dem Rhein, mit viel Platz für ein Schloss, sonnengleich im Zentrum einer neu angelegten Stadt, Mittelpunkt strahlenförmig wegführender Straßen: eine Planstadt für neue Gedanken, offen für den zukünftigen Geist der Kunst und Entdeckungen. Vielleicht inspiriert von dem Fächer seiner Gattin Magdalena Wilhelmine (die allerdings nie hier wohnte, man blieb sich lieber fern)?
Arbeiter und Händler aus allen Teilen Europas zog es nach Karlsruhe, und die wollten versorgt werden: mit Bier - der geliebte Wein war um 1850 dank schlechter Witterung sauer und teuer geworden. 31 Brauereien wurden zum Durstlöscher, Karlsruhe zu einer der bedeutendsten Braustädte. Eine der wichtigsten Privatbrauereien, Hoepfner, schon 1797 gegründet, residierte später sogar in der „Hoepfner Burg“, bis heute der größte offene Braukeller in Deutschland. Dort kann man sich durch 17 Sorten kosten, eine davon das „beste Hefe-Weizen der Welt“, wie 2016 in London beim World Beer Award festgestellt. Um noch eine der vielen Privatbrauereien, durch die man sich trinken kann, zu erwähnen: das Vogel-Bräu, von Rudi Vogel 1985 gegründet, berühmt für sein „Ungefiltertes“. In der netten Brauerei „Zum kleinen Ketterer“ kann man als gute Unterlage ein „Schäufele“ probieren, eine gebratene Schweinsschulter, oder Schupfnudeln mit Sauerkraut, so genannte „Bubespitzle“.
40.000 Studenten beleben die alte, heute sehr junge Stadt dank der ältesten technischen Uni Deutschlands (200 J.), wo Heinrich Herz 1886 die elektromagnetischen Wellen entdeckte, ohne die Radio, TV und Mobilfunk nicht möglich wären. Das ZKM, Zentrum für Kunst und Medien, 1989 gegründet, widmet sich international erfolgreich der Verbindung von Kunst, Wissenschaft und Technologie, der Bundesgerichtshof hat hier seinen Sitz, die Partei „Die Grünen“ wurde hier gegründet. Und Deutschlands erste echte E-Mails wurden am 2. August 1984 im Rechenzentrum der Karlsruher Universität empfangen und gesendet.
Überall in Karlsruhe stößt man auf größere und kleinere Plätze mit Lokalen und Märkten, und im Süden der Stadt auf ein perfekt erhaltenes Bauhausviertel, die Wohnsiedlung „Dammerstock“, 1928/29 von Walter Gropius und Kollegen errichtet. Dort findet man Ruhe und entspanntes Dinieren: In einem Lokal im ehemaligen Waschhaus, dem „Erasmus“, von Marcello Gallotti nach allergenauesten Bio-Regeln bekocht. Innen gar nicht karg, ausgesuchte Menüs, kenntnisreiche Weinbegleitung. Eher karg scheint das Karlsruher Leitungswasser zu sein, eine Karaffe ist fast Gold wert, kostet lockere sieben Euro, heute so üblich, wie man hört. Naja.
Wirklich Gold wert ist das nahe Pforzheim. Und das seit 5000 Jahren. Bereits aus dieser Zeit wurde hier Schmuck gefunden, aber so richtig geschmiedet, gegossen, gelötet, gehämmert und gefräst wird in dieser Stadt seit etwa 250 Jahren. Damals hatte Markgraf Friedrich von Baden die Idee, im Waisenhaus der Stadt aus Edelmetallen Schmuck anfertigen zu lassen, damals „Bijouteriewaren“ genannt – nicht ganz selbstlos, ist zu vermuten. Pforzheim wurde weltbekannt, seither wird hier Schmuck entworfen, produziert und exportiert, heute 75 % der deutschen Schmuckwaren.
Sogar die wertvollsten Eier werden „gelegt“, die Fabergé Eier werden in Pforzheim als kostbare Osterüberraschung von einem Victor Mayer seit 1989 nach altem russischem Vorbilder hergestellt. Das spannende (nicht nur für Damen), interessante Schmuckmuseum entstand aus einer Sammlung, die 1877 begonnen wurde, gleichzeitig mit der Gründung der Kunst und Kunstgewerbeschule. Über die verschiedenen Techniken der Schmuckerzeugung erfährt man Genaues im nahen Technischen Museum der Schmuck- und Uhrenindustrie, wie über die Pforzheimer Erfindung der Automatischen Uhr und des Flix-Armbandes. Die Stadt ist heute ein Designertreff und Förderer vieler Start-Ups, besonders der Masterstudiengang für Transportation-Design ist weltweit begehrt.
Viele Kanäle durchziehen Pforzheim (der etwas unglückliche Name ist dem römischen „Portus“, Hafen geschuldet), Flößer brachten einst Stämme aus dem Schwarzwald mit der Nagold und Enz zum Neckar, Rhein und nach Holland, ein Flößer-Viertel, einst sogar ummauert, wird heute noch so genannt. Am 23. 2. 1945 in nur 20 Minuten von den Alliierten zerstört, wie fast alle Bauwerke Pforzheims, 18.000 Menschen starben bei dem Feuersturm. Nach dieser Katstrophe beschloss man, statt nostalgisch lieber zukunftsorientiert zu bauen: Der oft geschmähte Funktionalismus der 1950er Jahre ist heute wieder architektonisch interessant, die brutalistischen Bauten (von „béton brut“, Sichtbeton) in Pforzheim mit vielen kleinen Studentenlokalen und Design-Ideen, die den Blickwinkel ändern, zu originellen Treffpunkten umfunktioniert.
Man isst hier Multikulti, es gibt eigene Genusstouren, die zum Beispiel beim Weltmeister im Pizzabacken, Francesco Salamone, einkehren, der in seinem „La Trinacria“ seine Gewinner-Kreation „Neapoletana contemporiana“ serviert. Man stoppt auf einen Drink beim „Roland“, von Design-Studenten geführt, wo man selbstgemachte Kuchen und selbstkomponierte Cocktails mit Kräutern aus den Beeten rund ums Lokal anbietet.
Man macht Station im netten „Caphe an der Enz“, von Nguyen Dica aus Vietnam geführt, die sich zur Café-Sommelière ausbilden ließ, und in ihrem kleinen Lokal großartige Kuchen bäckt. Und man probiert im „Oh Zoe“, einem persönlich-originell eingerichteten Lokal die auch optisch ungewöhnlichen Spezialitäten Vietnams. Oder griechisch, indisch, japanisch, schweizerisch ...