Pracht, soweit das Auge reicht, das ist das Etschtal, nur zwischen Meran, Bozen und Trient so genannt, auch wenn die Etsch vom Reschenpass bis Venetien fließt. Und überhaupt das Trentino, seit 1972 eigenständige Provinz: vom Gletschereis rundgeschliffene, bewaldete Gipfel, deren Abhänge weiche Falten werfen; fast zweihundert kleine und größere Seen, die den Himmel spiegeln, weshalb das Trentino „kleines Finnland“ genannt wird; weite, von der Lebensader Etsch und ihren Nebenflüssen ausgeschwemmte Täler; Weingärten und Apfelhaine. Und dazu pittoreske Kastelle, errichtet auf den aus der Eiszeit stammenden Riesenfelssturz-Blöcken.
Mittendrin Trient, die rosafarbene Stadt: Pflaster, Portale, Säulen, Balustraden und viele Häuser sind aus dem „Trienter Stein“, einem rosa bis roten Kalkstein, der in der Nähe abgebaut wird. „Trento“ lag ursprünglich direkt an der Etsch, die heute etwa einen Kilometer entfernt Richtung Venetien fließt. Sie wurde vor etwa 150 Jahren umgeleitet, um Platz für Bauland, Parks und für die neue Lebensader, die Eisenbahn zu schaffen.
Dann zog auch der Jugendstil in das mittelalterliche Städtchen ein, durch dessen enge Gassen und weite Plätze schlendernd man immer wieder Neues entdecken kann.
Zum Beispiel ein nostalgisches Kaffeemaschinenmuseum in einer kleinen Sackgasse. Oder das Cafè „La Vie en Rose“ mit alten Plüschsesseln im Schanigarten; einen tiefen, alten Brunnen mitten in einem Lokal.
Und natürlich eine wunderschöne Hausfassade neben der anderen, auch dem Konzil (1545 – 1563) zu verdanken: die Patrizier wurden, um Trient zu einer repräsentativen Stadt zu machen, vom Fürstbischof Bernardo Clesio gezwungen, ihre Häuser zu verschönern, bevor das Konzilium hier einzog. Man nannte sie deshalb auch „Urbs Pictqa“, die Bemalte Stadt.
Besonders entdeckenswert ist natürlich das Castello Buonconsiglio, im Norden der Altstadt von Trient als mittelalterliche Bischofsburg auf einem Felsvorsprung entlang der Stadtmauer gebaut. Es ist das prächtigste der vielen Schlösser des Trentino, wurde mit den Jahrhunderten zu einem wunderschönen, freskenreichen Wohnschloss erweitert und ausgeschmückt. Schon von außen ist es eine architektonische Zeitreise durch Mittelalter und Renaissance, mit seinen Bögen und Erkern, venezianischen Balkone und Seitentrakten, gotischen Fenstern, Schießscharten und Zinnen.
Mit Marmorsäulen und Steinintarsien-Böden ausgeschmückt, mit eleganten Treppen und alten Kachelöfen, mit vielen Gemälden und wunderbaren Fresken ist es einzigartig, birgt auch noch ein Geheimnis: geht man durch einen langen, engen Gang bis zum östlichen Ende der Burganlage und betritt den Adlerturm, betritt man ein Märchen - die Darstellung der einzelnen Monate, möglicherweise vom Sohn des berühmten Würzburger Bilderschnitzers Riemenschneider geschaffen, erzählt es vom damaligen Leben des Adels, der Bauern, der Mägde und des Klerus. Sogar mit einem versteckten Hinweis vom Treiben der Bischöfe: wenn man genau hinschaut, entdeckt man einen bärtigen Mann in Frauenkleidern, bei einem Geistlichen untergehakt.
Nur 20 Minuten mit dem Zug entfernt in Richtung Gardasee liegt Rovereto im Vallagarina, wie das Tal der Etsch hier nun heißt. Reich geworden durch den Seidenbau (die hier gut wachsenden Maulbeerkulturen schmeckten den Seidenraupen) und die Zölle der Flößer auf der Etsch. Und berühmt geworden durch Reisende wie Mozart, der hier Weihnachten verbrachte, oder Goethe, der auf seiner berühmten Italienreise Station in Rovereto machte. Fast hundert Jahre lang war „Rofereit“ österreichisch, im ersten Weltkrieg eine heißumkämpfte Garnisonstadt, immer wieder ein Ziel der Artillerie, geplündert und verwüstet. Heute stellt sie sich als „Stadt des Friedens“ dar, eine Gefallenenenglocke, gegossen aus den Kanonenrohren der Kriegsnationen, erinnert mit ihren hundert Schlägen täglich zu Sonnenuntergang (außer an kalten Tagen) an die Gefallenen. Wie auch ein interessantes Museum in der venezianischen Burg, dem „Castel Veneto“, es ist das größte historische Kriegsmuseum Italiens. Und ein Beinhaus auf einem Hügel über der Altstadt.
Auch die Moderne hat hier ihren Sitz, vor allem der Futurismus: eine im wahrsten Sinn des Wortes Riesenüberraschung, wenn man durch die Gassen schlendert, um die Ecke in eine Sackgasse biegt und plötzlich vor einem „Pantheon ohne Fassade“ steht, vor den Schattenspielen einer Metallnetzkuppel, vor dem Museum moderner Kunst, dem „MART“. Die kleine Stadt mit nicht einmal 40.000 Einwohnern hat es geschafft, dass dem Futuristen Fortunato Depero (er hat der Stadt nicht nur sein Wohnhaus als Museum, sondern auch viele seiner Werke vermacht) und dieser Kunstrichtung vom Architekten Mario Botta ein grandioses Denkmal gesetzt wurde.
Mit einer kreisrunden Agora, die unter ihrer metallverstrebten Glaskuppel bei den vielen Veranstaltungen bis zu 1200 Besuchern Platz bietet. Ein dazugehörendes Museum in Trient zeigt in Ergänzung Exponate aus dem 19. Jahrhundert.
Ein Tagesausflug mit Zug und Bus zu den wichtigsten Kastellen der Umgebung bietet nicht nur wunderschöne Aussichten, wie bei der Fahrt mit der kleinen Nostalbahn und von den verschiedenen Burgfrieden und Zinnen, Türmen und Erkern der hoch über den Tälern thronenden Schlösser, sondern auch viel Geschichte, Gemälde und wunderbare Fresken: in der Renaissance war es Prestigesache, berühmte Maler, die von einer Burg zur anderen zogen, zu beauftragen.
Das Kastell San Michele beeindruckt „nur“ durch dicke Mauern, einen herrlichen Ausblick und zeigt ein kleines Panorama, die (leider nur kurz währende) Weihnachtsversöhnung zwischen den eigentlich verfeindeten Soldaten: die Front des zweiten Weltkrieges lief hier entlang.
Doch schon die nächste Station, das Kastell Caldes an der Mündung des Soletales, im 13. Jahrhundert erbaut und bis ins 16. Jahrhundert aus- und umgebaut, beweist das Können der Maler: immer wieder werden schmückende Fresken freigelegt. Über ein besonders eigenartig bemaltes Kämmerchen erzählt man die romantische Geschichte des Burgfräuleins Olinda: sie verliebte sich in den Minnesänger Arunte und wurde zur Strafe hier eingesperrt, wo sie brennende Herzen, Blüten und Liebessymbole an Wände und Decke malte - und schließlich an gebrochenem Herzen starb.
Das Kastell Valer, im Nonstal auf einem römischen Kastell errichtet, dessen Bergfried zwischen Weinstöcken und Apfelbäumen aufragt, besteht eigentlich aus zwei Burgen, von verschiedenen Familienzweigen getrennt errichtet und bis vor kurzem vom Grafen von Spaur bewohnt. Das Schloss zeigt sich voll möbliert, teils holzgetäfelt und mit farbleuchtenden Fresken von damals berühmten Wandermalern, den Brüdern Baschenis ausgeschmückt. Dort steht auch ein Spinett, auf dem Mozart gespielt hat. Er hat damals für einen Ahnen des Grafen, Fürstbischof von Brixen, sogar eine Messe komponiert.
Aus anderer Perspektive auf das Nonstal blickt man vom Kastell Thun. Vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert Sitz derer zu Thun, eine gotische Adelsresidenz, später zu einem Renaissanceschloss „modernisiert“. Ebenfalls mit wunderbarem Ausblick, mit einem mächtigen Spanischen Tor, das in einen arkadengeschmückten Innenhof führt und zur gut erhaltenen Küche, den Dienstbotenräumen und den elegant möblierten Salons der Adelsfamilie, die dieses Schloss in den 1980ern an die Provinz Trient verkaufte. Sorgfältig restauriert ist es seit 2010 ein Museum.
Was man alles im Trentino machen kann, von Radtouren bis Rafting, Bergsteigen, Klettern oder Canyoning bis Wandern zu den Spuren des Ersten Weltkrieges, Fischen oder Burgbesteigen – und natürlich im Winter Skifahren oder Wellnessen: https://www.visittrentino.info/de