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Natur pur und prächtige Schlösser

Auf den Wellen der Moldau durch das Herz Böhmens.
Beeindruckendes Bauwerk: die Slapy-Talsperre - © Uwe Nesemann

Natur pur und prächtige Schlösser

Prag ohne die Moldau? Undenkbar. Gut 30 Kilometer lang durchzieht der Fluss die tschechische Hauptstadt, hat hier Geschichte und Geschichten geschrieben. Und eine Kreuzfahrt auf der „Vltava“, so der tschechische Name, wird schnell zu einer Begegnung mit Historie und Natur der böhmischen Seele.

Mächtige Schaufelräder treiben die “Elbe Princesse“ an - © Uwe Nesemann

Fahren wie auf dem Mississippi

Es ist ein bisschen wie beim guten, alten Käfer: Der Antrieb sitzt da, wo er gebraucht wird, nämlich hinten. Nur dass die „Elbe Princesse“ kein alter Volkswagen ist, sondern ein 95 Meter langes Kreuzfahrtschiff jüngerer Bauart, ein eleganter Gigant der modernen Fluss-Kreuzfahrt. Und der Antrieb, der ihr Heck ziert, sind zwei große Schaufelräder, die mit ein wenig Fantasie an die Zeit der Mississippi-Dampfer erinnern. Damals saßen die Schaufelräder an der Seite der Schiffe, Tom Sawyer lässt grüßen.

Kopf einziehen: Unter der Karlsbrücke wird es eng - © Uwe Nesemann

Aber auf dem Mississippi gibt es ja auch keine engen Schleusen, auf der Moldau aber schon. Und wer einmal erlebt hat, wie sich solch ein Schiffsriese geschmeidig und millimetergenau zwischen zwei Schleusenwände schiebt, der fragt nicht mehr, warum die Schaufelräder hinten sitzen.

Prag, CZ - Altstadt - © Uwe Nesemann

Prag – europäische Geschichte im Übermaß

Der Heimathafen, wenn es denn einen solchen gibt, der „Elbe Princesse“ ist Prag. Oder zumindest der Platz, an dem man sie häufiger findet. Es gibt sogar eine Adresse: Kai Nábřeži Edvarda Beneše, direkt bei der Haltestelle „Čechův Most“ der Straßenbahnlinie 15. Und natürlich geht von hier aus der erste Spaziergang direkt in die Altstadt, zunächst durch das alte jüdische Viertel mit seinem Friedhof und den sechs Synagogen. Da der Friedhof nicht in die Breite wachsen konnte, wuchs er in die Höhe: Immer wieder wurde neue Erde aufgeschüttet, insgesamt zwölf Schichten mit Gräbern verbergen sich heute hier.

Prag, CZ - Jüdischer Friedhof - © Uwe Nesemann

An der Karlsbrücke mit ihren wuchtigen Türmen und den zahllosen  Karikatur-Zeichnern vorbei geht es zur Astronomischen Uhr, dem alten Rathaus und dem Denkmal von Jan Hus. Die Zeit verstreicht, Prag in zweieinhalb bis drei Stunden zu erleben und zu verstehen ist wohl zu viel verlangt. Zumindest aber spürt man bei einem ausgedehnten Spaziergang das Flair einer Stadt, die über Jahrhunderte europäische Geschichte geschrieben hat.

Prag, CZ - Denkmal von Jan Hus - © Uwe Nesemann

Smetanas Vermächtnis

Genau genommen ist die „Elbe Princesse“ eine Französin, aber weil die meisten Besatzungsmitglieder aus Ländern wie Rumänien, Ungarn, Spanien und Portugal kommen, wird oft englisch geredet, oder auch deutsch.

Kapitän Karel Bulkan - © Uwe Nesemann

Mindestens genauso wichtig wie das Schiff ist aber ohnehin das, was es trägt – nämlich die Handbreit Wasser unterm Kiel. In diesem Fall das Wasser der Moldau, und schon sind wir bei Friedrich Smetana. Angeblich haben den die Sankt-Johanns-Stromschnellen zu seiner sinfonischen Dichtung inspiriert, und während sich die „Elbe Princesse“ gleichmäßig und sanft nach Süden Richtung Štěchovice schiebt – also dort, wo früher einmal diese Stromschnellen waren -, ahnt man, warum das so ist: Die Moldau ist zwar von Menschenhand durch Schleusen und Talsperren schiffbar gemacht worden, aber sie ist immer noch ein verspielter Fluss mit grünen Rändern, felsigen Ufern und einem Übermaß an Ruhe. Zeit verliert ihre Bedeutung, das Schiff wird eins mit dem Fluss und der Fluss wird eins mit den Menschen. Tranquilité totale, um in der Bordsprache zu bleiben.

Totale Entspannung auf dem Sonnendeck - © Uwe Nesemann

Gelegentlich grüßt ein Angler vom Ufer oder von einem kleinen Boot, aber es gibt kaum ein anderes Schiff, das die Ruhe stört. Womit wir wieder beim ungewöhnlichen Antrieb wären: Die Schaufelräder am Heck sind einer der Gründe für den extrem niedrigen Tiefgang der „Elbe Princesse“, sie braucht neben der „Handbreit Wasser“ nur 90 cm unterm Kiel; ein Wert, von dem andere Kreuzfahrer nur träumen.

Angler auf der Moldau - © Uwe Nesemann

Grüße aus dem Wilden Westen

Immer wieder sind einzelne schlichte Holzhütten zu sehen, scheinbar planlos in die Wildnis hinein gebaut – Überbleibsel der „Tramping“-Bewegung, mit der die Tschechen seit den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine Subkultur jenseits aller staatlichen Regulierungswut entwickelt haben. Im Mittelpunkt steht Naturverbundenheit verbunden mit Wild-West-Romantik, eigenen Sheriffs und Totempfahl am Ufer. Die Siedlungen tragen Namen wie „Omaha“, und bisweilen hört man Country-Musik mit tschechischen Texten. Laute „Ahoi“-Rufe vom Ufer zeigen, dass diese schlichten Bauten in der Wildnis tatsächlich bewohnt sind.

Einsam, schlicht - aber schön: “Tramping“-Hütte am Ufer der Moldau - © Uwe Nesemann

Zu Besuch beim Thronfolger

Am Ende dieser Tagestour wartet ein Besuch in Schloss Konopiště, erbaut im 13. Jahrhundert und später Wohnsitz von Erzherzog Franz Ferdinand. Beeindruckend ist vor allem die Sammlung an Jagdtrophäen des Thronfolgers, der in seinem Leben rund 300.000 Tiere erlegt hat. Jede einzelne Trophäe ist datiert, nummeriert und verortet, alles ein wenig dekadent und eher verstörend. Fotografieren ist hier übrigens verboten.

Das Kinderbett von Antonin Dvořák - © Uwe Nesemann

Kunst im Schloss

Von Prag aus nach Norden durchquert das Schiff ebenso grüne Landschaften. Das Ziel ist Mělnik mit seiner alten Kirche, hier schüttet die Moldau ihre Wassermassen in die eher unter Trockenheit leidende Elbe. Ganz in der Nähe findet der Besucher gleich zwei Sehenswürdigkeiten: Das zu einem multimedialen Museum ausgebaute Geburtshaus von Antonín Dvořák, wo selbst die Kaffeemühle Geschichten erzählt, und das Schloss Nelahozeves. 

Böhmisches Kleinod: Schloss Nelahozeves - © Uwe Nesemann

Der Prachtbau der Familie Lobkowicz aus dem 16. Jahrhundert ist ein Muss für Kunstliebhaber, unter den zahlreichen Bildern finden sich Werke von Rubens, Cranach oder Pieter Breughel, das Inventar bis hin zur Waffensammlung sucht seinesgleichen.

Die Waffensammlung in Schloss Nelahozeves - © Uwe Nesemann

Einmal Küche und zurück

Zurück an Bord wartet dann das etwas andere Abendessen, Kapitän Karel Bulka (61), einer wenigen Tschechen an Bord, und Küchenchef Alain Merlet laden zum Gala-Diner. Der französische Chefkoch kam übrigens mehr aus Zufall zur Reederei „Croisi Europe“. Eigentlich wollte er seiner Schwester nur eine vergessene Bluse vorbeibringen, vor Ort aber hielt man ihn für einen Bewerber auf ein Job-Angebot. Wo er schon mal da war, sagte Merlet zu. Das ist jetzt 25 Jahre her, und der 50-Jährige steht noch heute am Herd der „Princesse“-Kombüse. Treue ist auch eine Tugend.

Der Schiffskoch Alain Merlet - © Uwe Nesemann


Ein Reisetipp von Uwe Nesemann.

 

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