Kurentovanje 2026 in Ptuj, Slowenien: Kurents - © Johann Varga
Kurentovanje - Masken und Bräuche
Kurentovanje in Ptuj, Slowenien, ist weit mehr als ein Faschingsumzug. Wir schauen hinter die Masken.
Die Kurentovanje Rituale sind ein UNESCO Weltkulturerbe und haben ihre Wurzeln in alten Religionen und Mythen, die bis in die Antike zurückreichen. Über die Jahrhunderte haben sie sich im ländlichen Raum in der slowenischen Region um Ptuj zu dem entwickelt, was uns heute als Kurentovanje begeistert. Der Begriff selbst bezeichnet eigentlich alles rund um den Fasching, insbesondere aber den Kurent oder Korant, eine Maske, die dabei die Hauptrolle spielt.
Kurentovanje 2026 in Ptuj, Slowenien: Kurent-Masken - © Johann Varga
Entstanden ist dieser Ritus im bäuerlichen Umfeld, also in einer Gesellschaft, die nicht nur aufs Engste mit der Natur verbunden war, sondern von ihr existentiell abhing. Die unzähmbaren Naturgewalten zu besänftigen, sie für sich gewogen machen, um eine gute Ernte einzubringen, das war die Aufgabe. In einer Welt ohne naturwissenschaftliche Kenntnisse und von Herrschern und Klerus verängstigt und sittsam gehalten, entwickelte sich eine mystische Matrix aus Figuren und Masken, die das Böse und das Gute repräsentierten, und die in ihrem Ringen die Geschicke der Landmenschen bestimmten. So verwundert es nicht, dass der Repräsentant des Guten, der Kurent oder Korant, die alles bestimmende Gestalt dieser Rituale wurde.
Kurentovanje 2026 in Ptuj, Slowenien: Gruppe der Pflüger - © Johann Varga
Das Timing dieser rituellen Handlungen erklärt sich von selbst. Nach dem Winter, der das bäuerliche Leben zum Stillstand brachte, sollte alles für den Neubeginn vorbereitet werden. Das Böse sinnbildlich vertrieben und die Fruchtbarkeit und das neue Leben heraufbeschworen werden. Zwar waren diese dämonischen Bräuche der Kirche verhasst, doch gelang es ihr nie, sie endgültig aus dem Leben der einfachen Bauern zu verbannen.
Kurentovanje 2026 in Ptuj, Slowenien: Kurent mit Krampus - © Johann Varga
Der Kurent (oder Korant)
Er ist die Hauptfigur des Rituals. Ein großer, starker, Respekt einflößender Geselle, der zur Gänze in zotteligem Schafs- oder Ziegenfell gekleidet ist und eine riesige Kopfbedeckung aus gleichem Fell trägt, die ihn komplett vermummt. Je nachdem, was es im Dorf oder am Hof gibt, ist diese turmartige Mütze mit Federn, Bändern oder Hörnern, und mit einer (hölzernen) Gesichtsfront dekoriert, die in einer überdimensional großen, markanten Nase mündet. Um den Bund sind mehrere kleine bis mittelgroße (Kuh)Glocken geschnallt, mit denen die Kurents ihr typisch tranceartiges Begleitgeräusch erzeugen. In der Hand halten sie einen Igelstab, dessen Stacheln energetische Kräfte entfalten sollen. Auch die Bewegungen der Kurents sind rituell vorgegeben, egal ob sie hüpfen, die Hüften schwingen oder den Kopf neigen.
Kurentovanje 2026 in Ptuj, Slowenien: Kurent-Maske - © Johann Varga
Der Kurent (Korant) ist ein Symbol des Frühlings, der Erneuerung, des Guten und auch ein Herold des Glücks. Kurents treten meistens in Gruppen auf. Wenn Kurents die Bauernhöfe besuchen, werden sie freudig empfangen. Aus Dankbarkeit für ihre Glücksbotschaften werden sie mit Essen oder Geld entlohnt. Ein Zeichen des Respekts und Dankes ist auch das Zerschlagen von Tongeschirr durch die Bäuerin. Wehe aber dem Hof, der die Kurents abweist, denn dieser wird fortan vom Unglück heimgesucht, so heißt es jedenfalls.
Kurentovanje 2026 in Ptuj, Slowenien: Blumenhüte - © Johann Varga
Früher konnten nur sehr kräftige, erwachsene Männer in die Maske des Kurents schlüpfen. Denn diese war und ist schwer, wirklich schwer. Unter 40 kg ist da nichts zu finden, mit dem Schaf- oder Ziegenfell, der Gesichtsmaske mit hoher Fellmütze, den an Ketten hängenden Glocken und dem Igelstab. Und damit gilt es dann, stundenlang zu schwingen, zu hüpfen und Glocken zu läuten. Ein unglaublicher Kraftaufwand, den wir Städter wohl kaum bewältigen könnten. Es ist Brauch, die Masken von Generation zu Generation weiter zu geben. Da das Interesse an dem Kurentovanje-Ritual ständig steigt gibt es auch „Nachwuchs“ in Hülle und Fülle, von sehr jung bis älter, von Burschen ebenso wie von Mädchen. Was auch die Produktion von (leichteren) Kurent Masken mit beeinflusst.
Kurentovanje 2026 in Ptuj, Slowenien: Umzug der Kurents - © Johann Varga
Andere traditionelle Masken
Gleichwohl der Kurent das Geschehen dominiert, gibt es noch viele andere Figuren und Masken, die allesamt besondere Bedeutungen haben.
Der mit grünen Blättern umhüllte Jürek, das Symbol des siegreichen Frühlings über den Winter (in der Figur des zotteligen Rabolj), eine mythische Figur, die von der Kirche zum Heiligen Georg umstilisiert wurde. Jürek steht für Fruchtbarkeit, ist ein Beschützer von Pferden und Rindern und hält Schlangen fern. Während des Karnevals werden Jürek und Rabolj von Musikanten und Tänzern, sowie Spendensammlern begleitet.
Kurentovanje 2026 in Ptuj, Slowenien: Jürek - © Johann Varga
Markant ist auch das Knallen der Peitschen durch die Einpeitscher, die Teile der festlich gekleideten Pflug Gesellschaften sind, die immer in größeren Einheiten auftreten, meistens von Kurents begleitet. Kurioserweise geht es dabei um eine Art Heiratsvermittlung.
Kurentovanje 2026 in Ptuj, Slowenien: Peitscher - © Johann Varga
In die vergleichsweise selbe Kerbe schlagen die Baumstamm-Transporteure mit ihrem Fruchtbarkeitsritual, das sich an unverheiratete Jungfrauen und Jungmänner richtet und zur Vermählung anspornt. Tanz, Musik, festlich gekleidete Damen, eine demonstrative Braut und ihr Trauzeuge runden das Ensemble ab.
Um eine Art Brautwerbung geht es auch beim Ziehen eines Trogs mit einer, eine Braut symbolisierenden Puppe, bei dem der Brautwerber auf seine materiellen Potentiale aufmerksam machen möchte.
Kurentovanje 2026 in Ptuj, Slowenien: Umzug der Pflüger - © Johann Varga
Eine amüsante Figur ist die alte Frau, die den alten Mann im Korb trägt oder umgekehrt. Die quasi im Korb Getragenen sollen die Seelen der Vorfahren repräsentieren, sind aber logischerweise Puppen. Die Figuren ziehen unweigerlich die Blicke auf sich, weil sie fürwahr kurios sind.
Nicht weniger lustig sind die Rusa, pferdeähnliche Figuren, mit zwei oder vier Beinen und mit magischen Kräften für Fruchtbarkeit und Gesundheit von Pferden und Rindern. Begleitet von Viehtreibern und einem Spendensammler führen sie zappelnd und ungehorsam Schabernack auf. Das eigentlich Ziel, die Rusa zu „verkaufen“, scheitert somit immer kläglich. Was für die Besucher noch spassiger ist.
Rusa-Masken im Schloss-Museum in Ptuj, Slowenien - © Johann Varga
Lustig sind auch die Gockeln, die jungen Hähne-Masken, als Sinnbild für das Eierlegen der Hennen und eine Vielzahl von Gartenerzeugnissen. Mit dabei ein Sammler mit Rechen und einem Korb mit Spreu, das er sinnbildlich für gute Ernten und viele Hühnereier verstreut.
Die Feen sind eine Gruppe junger Mädchen, die singen, tanzen und Glück wünschen.
Kurentovanje 2026 in Ptuj, Slowenien: Feen - © Johann Varga
Die festlich gekleideten Lanzenträger, die natürlich keine Waffen, sondern mit bunten Bändern geschmückte Holzstöcke tragen und in die Lüfte werfen, sind eigentlich die Zeremonienmeister bei ländlich bäuerlichen Hochzeiten, die tanzend für gute Laune sorgen.
Eine besonders beliebte Maske ist die der Zigeuner, die mit ihrem exaltiertem Verhalten für Aufmerksamkeit sorgen.
Kurentovanje 2026 in Ptuj, Slowenien: Lanzenträger - © Johann Varga
Wer Interesse hat, tiefer in die Welt der Mystik und Masken des Kurentovanje von Ptuj einzutauchen, sollte diese Info-Angebote aufgreifen:
Das Kurent Haus
Mitten in der Altstadt, gleich vis-a-vis des Theaters und in Sichtweite des legendären Stadtturms befindet sich das Kurent Haus, das Kurentova Hiša. In einer überschaubaren, top modernen, interaktiven Multimedia Installation kann man alles über das kulturelle Erbe der Region und insbesondere über die Kurents (oder Korants) erfahren. Die Didaktik der Dauerausstellung ist kindgerecht ausgelegt, und begeistert daher auch die Kleinen.
KurentHaus in Ptuj, Slowenien - © Johann Varga
Das Schloss Ptuj
Dieser Prachtbau auf einem Felsen oberhalb der Altstadt, ist das bestimmende Ensemble der Draustadt und ein einzigartiges Fotomotiv. Es ist Teil des weit über die Grenzen bekannten Regionalmuseums Ptuj Ormož und beherbergt unter Anderem eine ganzjährig geöffnete Sammlung von traditionellen Karnevalsmasken. Alle ethnografischen Masken und Figuren sind dort ausgestellt und ausführlich beschrieben. Auch in deutscher Sprache.
Weitere Informationen zum (jeweils aktuellen) Kurentovanje gibt es in englischer Sprache auf der offiziellen Website
https://kurentovanje.net/eng/
Innenhof-Weg des Schlosses in Ptuj, Slowenien - © Johann Varga
Kurent-Masken Alte Frau, Rusa, Jürek im Schlossmuseum von Ptuj in Slowenien - © Johann Varga
Fazit
Die Masken, Figuren und Rituale von Kurentovanje sind eine Welt für sich. Natürlich kann man auch nur die fantastischen Eindrücke während der Haupt-Paraden oder der kleineren Gruppenpräsentationen am Rathausplatz auf sich wirken lassen. Kurentovanje wurde aber nicht wegen der schillernden Faschingsumzüge zum Weltkulturerbe erklärt. Es ist vielmehr die Entwicklung und die Bedeutung der Protagonisten im kulturgeschichtlichen Kontext zur regionalen Landbevölkerung, die den wahren Kern dieser mythischen Handlungen und Figuren ausmachen. Eine tolle, spektakuläre Show ist Kurentovanje allemal. Mit einem kleinen Hintergrundwissen ist der Karneval von Ptuj aber noch beeindruckender.
Kurentovanje 2026 in Ptuj, Slowenien: Gruppe der Kurents - © Johann Varga
Wer sich noch intensiver mit den Masken und Bräuchen von Kurentovanje beschäftigen möchte, der/dem sei das aktuelle Buch von Andrej Brence ans Herz gelegt. Das Buch wurde in slowenischer und englischer Sprache herausgegeben und beschreibt die Traditionellen Karnevalsmasken in der Umgebung von Ptuj von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis heute (original Titel in Englisch: Traditional carnival masks in the area of Ptuj from the second half of the 19th century until nowadays). Verlag Pokrajinski Muzej Ptuj Ormož. ISBN 978-961-7256-00-0.
Abschließend möchte ich noch der bekannten slowenischen Historikerin Marija Hernja Masten danken, die mir mit ihrem unglaublichen Wissen und ihrer charmanten eloquent-witzigen Weise die ethnografisch wissenschaftlichen Aspekte von Kurentovanje verständlich näher gebracht hat.
JV
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Anmerkung:
Die redaktionelle Recherchereise wurde unterstützt von:
Tourismusbüro Ptuj https://visitptuj.eu/de/
Slowenisches Tourismusbüro Wien https://www.slovenia.info/de
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