Ein uralter Ritus begeistert heute mehr denn je. Und gilt als UNESCO Weltkulturerbe.
Im Jahr 2026 fand in Ptuj, der ehemaligen, mächtigen Römerstadt an der Drau, der mittlerweile 66. Kurentovanje Karneval statt. Basierend auf sehr alten Bräuchen und Riten.
Kurz gesagt, Kurentovanje bedeutet alles, was mit Fasching und vor allem mit dem Kurent (oder auch Korant) zu tun hat, jenem zotteligen Gesellen, der zwar furchterregend aussieht, aber eigentlich das Gute, Neue und Glückliche verkörpert. Und dadurch gleichzeitig die alles dominierende Maske des Karnevals von Ptuj ist.
Für uns heute präsentiert sich Kurentovanje als ein fantastischer, einzigartiger Event, der sehr viel mehr ist als eine Anhäufung von Paraden und Auftritten kostümierter Menschen. Kurentovanje ist ein Lebensgefühl, vielleicht sogar eine Art mystischer Leim, der nicht nur die Bevölkerung in und um Ptuj untrennbar zusammenhält, sondern auch die vielen inländischen und ausländischen Gäste magisch anzieht und an sich bindet.
Mit dem allerersten Kurentovanje Umzug am Faschingssonntag im Jahre 1960 wurde damals noch im Vorgängerstaat Jugoslawien ein bäuerliches Brauchtum offiziell inszeniert, das es eigentlich schon ewige Zeiten gegeben hat, und das sich aus antiken Religionen und religiösen Riten der Region zu den heute bekannten Masken und Bräuchen entwickelt hat.
In einer landwirtschaftlich geprägten Umgebung drehte sich logischerweise alles um das Leben der Bauern, der Felder und des Viehs im Zyklus der Jahreszeiten. Und der stetigen Hoffnung auf günstige Bedingungen für eine gute Ernte und somit für eine sichere Lebensgrundlage. Nach dem Ende des Winters und vor dem Beginn der Aussaat entwickelten sich Rituale, Böses zu vertreiben und Gutes, Fruchtbares hervorzubringen.
Für die feine, städtische Gesellschaft, deren oft dekadent ausgelassene Faschingszeit mehr von kritischem Spott und Sarkasmus gegenüber der Obrigkeit geprägt war, war der bodenständige, rustikale Landfasching anfangs fremd, vielleicht sogar minderwertig. Jede Gesellschaftsgruppe blieb daher lange Zeit bloß unter sich.
Dies änderte sich, als Josip Broz Tito, der ehemalige jugoslawische Staatschef, den Landfasching ab 1945 zu fördern begann. 1946 wurde sogar ein Dokumentarfilm darüber produziert, der heute noch im Kurent Haus in Ptuj zu sehen ist. Rund 10 Jahre später kamen die ersten Kurents (Korants) in einem kleinen Umzug in die Stadt, und am 27. Februar 1960 war dann der offizielle Start von Kurentovanje und seinem bis heute anhaltenden Hype, der letztlich auch die Stadtmenschen begeisterte. 2017 wurden schließlich die bäuerlichen Kurent Rituale in die Kulturerbe Liste der UNSECO aufgenommen.
Welche Masken beim traditionellen, „ethnografischen“ Karneval von Ptuj verwendet werden und welche Bedeutung sie haben, und wo man alles über Kurentovanje erfahren kann, lesen Sie im Artikel:
Ptuj, die älteste Stadt Sloweniens, ist zwar immer eine Reise wert, aber Kurentovanje ist schon etwas ganz Besonderes. Vor allem der „echte“, ursprüngliche, rituelle, UNESCO geadelte Kurentovanje Umzug am ersten Samstag des Festivals. Der internationale Umzug am Faschingssonntag, an dem zwar auch die traditionellen Masken teilnehmen, aber auch sehr viele andere, neue, moderne, zeitkritische, ist wohl der Höhepunkt des gesamten Kurentovanje Karnevals, aber besuchen sollte man unbedingt den „ethnografischen“, der Ptuj und alle Besucher gewiss tiefgründiger in Schwingungen versetzt.
Die gesamte Stadt ist festlich geschmückt, alles und jede(r) steht im Zeichen des Karnevals. Während der Feierlichkeiten, deren Termine und Dauer jährlich variieren, weil vom jeweiligen Jahreskalender bestimmt, vibriert die Draustadt. Enden tut dann jedenfalls alles am Faschingsdienstag vor dem Beginn der christlichen Fastenzeit.
Während Kurentovanje ein Quartier in Ptuj zu finden ist nicht ganz einfach, man sollte sich frühzeitig darum kümmern. Vor allem, wenn man zentral in der City untergebracht werden möchte, was während des Karnevals sinnvoll ist. Denn nur so erreicht man zu Fuß alle relevanten Locations schnell und stressfrei.
Wir haben diesmal im Hotel Ptuj übernachtet, einem Traditionshaus im Herzen der Stadt. Das altehrwürdige Gebäude am Fuße des Schlossberges beherbergt unter verschiedenen Namen, wie Hotel Osterberger und Hotel Mitra, seit 1890 internationale Gäste. Mittlerweile gehört das Haus zur kleinen, sehr engagierten Eurotas Hotelgruppe, die mehrere Hotels in Slowenien betreibt. Trotz des stolzen Alters der Liegenschaft, geizt das Hotel nicht mit Annehmlichkeiten, wie einem Wellness Center, einem eigenen Weinkeller, vor allem aber einem tollen Frühstücksbüffet, bei dem größter Wert auf hochwertige regionale Produkte, mitunter in Bioqualität gelegt wird. Die mit historischen Namen bezeichneten Zimmer bieten ausreichend Platz und sind sehr sauber. Auch die geheizten sanitären Räumlichkeiten sind großzügig und hygienisch rein. Man fühlt sich wohl, im Hotel Ptuj.
Im Zeichen von Nachhaltigkeit reisen auch wir mittlerweile ständig mit Öffis, so auch diesmal zum Kurentovanje nach Ptuj. Bei der Anreise ging es von Wien über Graz nach Maribor und weiter nach Ptuj. Knappe 6 Stunden, vor allem aber aufgrund von längeren Wartezeiten auf Anschlusszüge. Die Rückreise von Ptuj über Pragersko, Maribor und Graz war aufgrund technischer Probleme etwas tricky und dauerte wesentlich länger als fahrplanmäßig veranschlagt.
Alles ging letztendlich gut, es war jedoch schon ein Abenteuer. Die slowenischen Zuggarnituren sind top und die SchaffnerInnen extrem freundlich. Die Durchsagen auf den Bahnhöfen Ptuj, Pragersko und Maribor erfolgten aber nur in slowenischer Sprache und vor allem am Bahnkreuz Pragersko gibt es keine hinreichenden Anzeigetafeln, was vor allem bei Verspätungen und außerplanmäßigen Ereignissen, das Leben des nicht slowenisch sprechenden BestAger-Fahrgastes nicht unbedingt erleichtert.
Vom Bahnhof Ptuj zum Hotel Ptuj sind es rund 20 Gehminuten. Durchaus vertretbar aber mit Koffer und Rucksack auch keine Wonne. Wer nicht laufen kann oder will, der müsste sich einen Transport vom Bahnhof zum Hotel organisieren.
Slowenien ist ein Schlaraffenland für Feinschmecker. In jeder Region gibt es typische Spezialitäten, so auch in der Štajerska, der slowenischen Steiermark. Und dann gibt es auch noch anlassbezogene Gerichte, wie das Faschingsessen während Kurentovanje.
Die typischen Faschingsspeisen sind deftig und schwer, und können ihren bäuerlichen Ursprung nicht leugnen. Am Land brauchte man reichlich körperliche Kräfte, und die kamen nicht von veganer Diätkost. Während des Faschings mussten und müssen die Maskenträger, vor allem die Kurents, in ihren unglaublich schweren Kostümen, Höchstleistungen erbringen. Da sind kalorienreiche Mahlzeiten eine Notwendigkeit. Fleisch, Würste, Kartoffel, Sauerkraut und dicke Suppen mit Pilzen stehen auf der Speisekarte. Alles was die Bauernhöfe und Mutter Natur so zu bieten haben.
Verkostet haben wir diese charakteristischen Kurentovanje Spezialitäten in vier verschiedenen Gasthäusern in Ptuj. Und zwar im Rahmen des touristischen Programms „Geschmack aus Ptuj“, das vom städtischen Tourismusbüro in Zusammenarbeit mit ausgewählten Wirten zum Preis von EUR 27,00 pro Person (Stand Februar 2026) angeboten wird. Dieses 3-gängige kulinarische Package kann man zwar das ganze Jahr über buchen, aber speziell im Fasching gibt es zudem klassische Kurentovanje Speisen.
Unser „Geschmack aus Ptuj“-Menü im Grand Hotel Primus war diesmal hingegen kein klassisch serviertes Menü, sondern ein Selbstbedienungsbüffet, mit einer breiten Auswahl an Vor-, Haupt- und Nachspeisen, die aber kein spezielles Faschingsmenü darstellten. Im „Geschmack aus Ptuj“-Menü inkludiert war ein Glas Wein, ergänzende Getränkewünsche musste man aufzahlen.
Alle Gasthäuser interpretierten die Speisen individuell und, natürlich abgesehen von unseren persönlichen Geschmacksempfindungen und Wertungen, überwiegend sehr zufriedenstellend. Dass die schwere, für uns eher ungewohnte Kost nicht nur wunderbar wohlschmeckend, sondern auch relativ gut verträglich war, überraschte und erfreute zugleich. Zugegeben, ein regionaler Williams Birne Schnaps als Digestif war jedesmal Pflicht.
Da die Preise in den Restaurants in Ptuj mittlerweile deutsches/österreichisches Niveau erreicht haben, ist das „Geschmack aus Ptuj“-Menü durchaus eine Überlegung wert. Nähere Infos und Buchungsmöglichkeiten finden Sie hier: https://visitptuj.eu/de/wein-kulinarik/geschmack-aus-ptuj/
Der Wein ist so alt wie Ptuj und faktisch untrennbar mit der Stadt und der Region verbunden. Wie auch Kurentovanje. Was lag also näher, als zwischen diesen beiden eine spezielle Verbindung zu schaffen? Da bekanntlich gut Ding Weile braucht, dauerte das, aber vor mittlerweile 10 Jahren, also im Jahr 2016 war es dann soweit.
Der legendäre Weinkeller von Ptuj, Ptujska klet, die Festival Organisation und der offizielle Verband der Kurent-Vereine schmiedeten eine Partnerschaft aus der die Weißwein-Marke Mistik hervorging und ein ganz spezifisches Ritual um diesen Mistik. Jedes Jahr wird eine andere Traube von einem anderen Vertragspartner aus den Regionen Haloze und Slovenske gorice gekeltert. Und jedes Jahr werden die Trauben dafür von den Mitgliedern des Kurent Verbandes per Hand geerntet. Der erste Mistik, der Jahrgang 2016, wurde aus eigentlich roten Pinot Noir Trauben als Weißwein gekeltert. Der heurige Jahrgang 2026 ist ein trockener, leichter Šipon aus dem Weinanbaugebiet Haloze, von dem rund 600 Flaschen abgefüllt wurden und vorwiegend während Kurentovanje verkauft werden. Schon nach 10 Jahren ist Mistik zu einem Markenzeichen und untrennbaren Bestandteil von Kurentovanje geworden, der, nicht zuletzt aufgrund der geringen Jahrgangsmengen, heiß begehrt ist.
Kurentovanje ist weit mehr als nur ein Karnevalsumzug. Kurentovanje ist ein rituelles Erbe aus einer Zeit, in der die Menschen am Land aufs Engste mit der Natur verbunden waren. Voller Demut vor den kosmischen Mächten, die sie weder verstanden noch steuern konnten. Eine Mischung aus Aberglauben und mystischen Ritualen, stets in der aufrechten Hoffnung, das Überleben solcher Art zu sichern.
Heute leben wir in einer vollkommen anderen Zeit und wissen so viel mehr als unsere Vorfahren. Dennoch haben sich hier die alten Bräuche erhalten und werden auch von den Jungen gepflegt. Nicht als Hokuspokus für reiche Ernten, sondern als wertvolles Gut unserer eigenen Kultur. Die Aufnahme der Kurentovanje Riten in die UNESCO Liste des immateriellen Kulturerbes im Jahre 2017 ist daher eine schlüssige Anerkennung gewesen, für den Wert dieses einzigartigen Kulturschatzes der Menschheit.
Besuchen Sie Ptuj und tauchen Sie ein in die Welt der Mystik von Kurentovanje. Es ist echt inspirierend! By the way, wie man so schön sagt, Ptuj wurde 2026 zur „Best Cultural Heritage Town in Europe“ gekürt. Ein weiterer, gewichtiger Grund für eine Reise in diese faszinierende Stadt an der Drau.
Weitere Informationen zum (jeweils aktuellen) Kurentovanje gibt es in englischer Sprache auf der offiziellen Website https://kurentovanje.net/eng/
Abschließend möchte ich noch der bekannten slowenischen Historikerin Marija Hernja Masten danken, die mir mit ihrem unglaublichen Wissen und ihrer charmanten eloquent-witzigen Weise die ethnografisch wissenschaftlichen Aspekte von Kurentovanje verständlich näher gebracht hat.