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Kloster Muri und die Rückkehr der Habsburger

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Habsburg: Von der ersten Grablege zur neuen Familiengruft.
Kanton Aargau, CH - Kloster Muri_Klosterkirche St. Martin - Blick auf Hauptaltar - © Edith Spitzer, Wien

Kloster Muri und die Rückkehr der Habsburger

Um zu verstehen, warum Kaiserin Zita, die Witwe des jung verstorbenen, letzten Kaisers von Österreich und Königs von Ungarn, Karl, entschieden hat, das Kloster Muri wieder zur Begräbnisstätte der Habsburger zu machen, muss man die Geschichte ab 1918 Revue passieren lassen.

Kanton Aargau, CH - Kloster Muri_Loretokapelle mit Büste von Kaiser Karl - © Edith Spitzer, Wien

Nach den fürchterlichen Schrecken des Ersten Weltkrieges, der Niederlage Österreich-Ungarns und dem kompletten Zerfall des einstigen habsburgischen Imperiums, entlud sich der lange aufgestaute Hass gegen die aristokratischen Eliten und mündete letztlich in rigorosen Rechtsetzungen, die nicht nur den Adel abschafften und den Habsburgern sämtliche Herrschaftsrechte entzogen, sondern die Familie faktisch aus (Deutsch-)Österreich vertrieben. Und das, obwohl Karl und Zita nur durch viele fatale Umstände nach dem Ableben Kaiser Franz Josephs I., 1916, also inmitten des Kriegsinfernos, an die Spitze des sich auflösenden Reiches katapultiert wurden und vergeblich versuchten, den Kriegswahnsinn zu beenden und den Vielvölkerstaat doch noch zusammenzuhalten.

Was folgte war eine unglaubliche Odyssee mit einer an Tragik kaum zu überbietenden Dramaturgie. Von den österreichischen Medien mit beissendem Spott begleitet, kehrte das Kaiserpaar, nach Karls Verzichtserklärung auf die Regierungsgeschäfte am 11.11.1918 (Anm.: als Kaiser und Staatsoberhaupt hat er niemals abgedankt) und einigen Monaten „Exil“ auf Schloss Eckartsau in Niederösterreich, am 24.3.1919 sozusagen zurück zu seinen familiären Wurzeln, in die Schweiz. Zuerst fanden sie auf einem kleinen Anwesen im Kanton St. Gallen Zuflucht, was der neuen deutsch-österreichischen Regierung aber nicht recht war, weil sie befürchtete, die Habsburger kämen über die angrenzenden, kaisertreuen Länder Vorarlberg und Tirol wieder an die Macht. Daher mussten die Schweizer die Kaiserfamilie weiter weg, an den Genfersee verlegen.

Videobild Genf - Stadt mit See - ALTERSFREUDEN - Mag. Johann Varga

Während in Österreich eine komplett antimonarchistische Republik errichtet wurde, besann man sich in Ungarn nach einem kurzen kommunistischen Intermezzo nach Kriegsende wieder der Königsmonarchie, die in physischer Ermangelung eines Monarchen, von einem Reichsverweser, Miklós Horthy von Nagybánya, verwaltet wurde. Karl reiste daraufhin inkognito vom Genfersee nach Budapest um mit Horthy seine Rückkehr auf den Ungarischen Thron - erfolglos - zu diskutieren. Irgendwie kamen die Vertreter des Kantons Waadt, in dem die Habsburger wohnten, dahinter und verwiesen die Kaiserfamilie mit dem Argument, Karl wäre hier im Exil gewesen und hätte sich aus jedweder Politik heraushalten müssen.

So zog die kaiserliche Familie weiter an den Vierwaldstättersee nahe Luzern, die sie spontan aufgenommen hatten. Unter ständiger Polizeibewachung verbrachten die Habsburger die Zeit unter Anderem mit Ausflügen zur Habsburg, ihrer Familienstammburg. Karl schaffte es dennoch, erneut Kontakt zu Getreuen in Ungarn aufzunehmen, um den vakanten Thron zu besteigen. Alles war scheinbar akribisch vorbereitet, als das Kaiserpaar per Kleinflugzeug nach Ungarn flog, um dort von einem königstreuen Regiment in Empfang genommen zu werden. Nur war dort niemand. Weil das Telegramm mit dem genauen Timing schlichtweg nicht rechtzeitig ankam. Fataler Zufall oder Sabotage, jedenfalls wurden die Siegermächte hellhörig und zogen einen endgültigen Schlussstrich. Karl und Zita wurden im Herbst 1921 verhaftet und vom Kontinent verbannt. Auf einer schier endlos langen Fahrt ging es von Ungarn die Donau abwärts ans Schwarze Meer, nach Istanbul, von dort weiter nach Malta und Gibraltar, und schließlich nach Madeira, wo sie im November 1921 ankamen. Während die 7 Kinder des Kaiserpaares bei ihrer gräflichen Erzieherin in der Schweiz blieben.

Pilatus, Schweiz - vom Vierwaldstättersee - © Edith Spitzer, Wien

Und das Schicksal meinte es weiterhin nicht gut mit den Habsburgern. Zita war mit ihrem achten Kind gerade im siebten Monat schwanger, als Kaiser Karl schwer an der, wie man heute weiß, spanischen Grippe erkrankte und infolge dessen mit nicht einmal 35 Jahren am 1. April 1922 verstarb und in der Kirche Nossa Senhora do Monte bestattet wurde. Kaiserin Zita ließ aber davor noch das Herz ihres verstorbenen Gemahls aus dem Körper entfernen und einbalsamieren. Fortan trug sie dieses in einem silbernen Gefäß bis zur Errichtung der Familiengruft in der Loretokapelle in Muri mit sich.

Aus Geldmangel konnte Zita nicht auf Madeira bleiben, aber der spanische König Alfons XIII., der einst in Wien studierte, bot ihr und ihrer Familie Exil in Nordspanien, in Lekeitio, an, wo sie dann mehrere Jahre wohnten. Als die Kinder heranwuchsen und studieren wollten, zog die kaiserliche Familie 1929 weiter nach Steenokkerzeel in Belgien, wo Otto, der älteste Sohn des Kaiserpaares, an der Katholischen Universität Leuven (Löwen) inskribierte.

Funchal, Madeira - Hafen - © Edith Spitzer, Wien

Doch das scheinbare Glück währte nicht lange. Mit der Machtergreifung Hitlers und dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges mussten die Habsburger fliehen, weil Hitler ihnen nach dem Leben trachtete. Über Frankreich, Spanien, Portugal und den Atlantik gelangten die Habsburger nach New York und von dort weiter nach Quebec (Kanada), wo sie bis nach dem Krieg lebten. 1953 kehrte Zita endgültig nach Europa zurück und zog zu ihrer Mutter, Maria Antonia von Portugal, nach Colmar-Berg in Luxemburg, die sie bis zu deren Ableben mit 96 Jahren (1959) pflegte. Zita, selbst schon knappe 70 Jahre alt, begann sich über ihren Lebensabend Gedanken zu machen, wissend, dass sie wohl nicht mehr nach Österreich zurückkehren wird können.

Und da begann sich der Kreis des Hauses Habsburg wieder in der Schweiz zu schließen. Zita bezog 1962 unter Obhut des Bischofs von Chur, Dr. Johannes Vonderach (Nachfolger von Bischof Christian Caminada), eine Zweizimmerwohnung im geistlichen Alters- und Pflegeheim des St. Johannes Stiftes in Zizers unweit von Chur und besuchte fortan jährlich das Kloster Muri, die allererste Stammabtei ihrer Familie. Dort kam sie mit der Geistlichkeit, der Kirchen- und der Einwohnergemeinde Muri ins Gespräch und entwickelte die Idee einer neuen habsburgischen Grablege, da sie - aus damaliger Sicht - nicht mehr nach Wien kommen konnte, und andererseits Muri ja ohnehin auf das aller Engste mit der Familiengeschichte der Habsburger verbunden war.

So wurde dann 1970 ein offizieller Vertrag unterzeichnet und unter der altehrwürdigen Loretokapelle, die 1698 errichtet wurde, eine neue Gruft ausgehoben, die Habsburger Gruft. Nach Fertigstellung fand dann 1971 die erste feierliche Beisetzung statt, nämlich die des Herzens des letzten österreichischen Kaisers, der 1922 auf Madeira verstorben war. In einer schwarzen Marmorstele an der Rückwand der Kapelle. Der Vertrag selbst sieht vor, dass die direkten Nachfahren, also die Kinder und alle Kindeskinder von Karl und Zita das Recht haben, in der Habsburger Gruft in Muri ihre letzte Ruhestätte zu finden. Auch Zita ordnete an, hier bestattet zu werden.

Am 14. März 1989 verstarb die letzte Habsburg-Österreichische Kaiserin im Alter von 97 Jahren in ihrer letzten Bleibe im St. Johannes Stift in Zizers im Schweizer Kanton Graubünden. Mittlerweile haben sich auch die überzogenen Anti-Habsburg-Gepflogenheiten der Republik Österreich abgeschwächt. Kaiserin Zita wurde unter gigantischer Anteilnahme der Bevölkerung, nach einem Trauerzug durch Österreich ein würdiges Begräbnis in der Kapuzinergruft in Wien zuteil. Ihr Herz jedoch ruht neben dem ihres kaiserlichen Gemahls in der Loretokapelle im Kloster Muri.

Während zwei ihrer Söhne, der letzte Kronprinz Otto (20.11.1912 bis 4.7.2011), und Erzherzog Carl Ludwig (10.3.1918 bis 11.12.2007) ebenfalls in der Wiener Kapuzinergruft bestattet wurden, fanden Erzherzog Robert von Österreich-Este (8.2.1915 bis 7.2.1996), Erzherzog Felix (31.5.1916 bis 6.9.2011) und Erzherzog Rudolf (5.9.1919 bis 15.5.2010) ihre letzte Ruhestätte gemeinsam mit ihren verstorbenen Frauen in Muri. Die bislang letzte Beisetzung fand im Jänner 2022 statt, wo unter Beisein des belgischen Königs Erzherzogin Margherita von Österreich-Este, die Witwe des früher verstorbenen Erzherzogs Robert, zu Grabe getragen wurde. Zur Zeit (Stand Mai 2026) befinden sich in der Habsburger Gruft in Muri 8 Särge. Neben den zuvor genannten 6 Verstorbenen, der 1975 mit 13 Jahren bei einem Unfall tragisch ums Leben gekommene Sohn von Erzherzog Rudolf, Johannes, sowie die Privatsekretärin von Kaiserin Zita und Erzieherin ihrer 8 Kinder, die liebevoll „Korffi“ genannte Marie Therese Gräfin von Korff-Schmising-Kerssenbrock (1888 bis 1973), der aufgrund ihrer Treue und ihrer gemeinsamen Schicksalswege die Ehre zuteil wurde, in der Familiengruft bestattet zu werden.

Kanton Aargau, CH - Kloster Muri - © Edith Spitzer, Wien

Im nächsten Jahr, 2027, feiert das Kloster Muri sein tausendjähriges Bestehen. In einem turbulenten Millennium spannt sich der Bogen von den habsburgischen Gründern bis zu den Habsburgern heute. Eine faszinierende Klostergeschichte, die untrennbar mit der Familiengeschichte einer Herrscherdynastie verbunden ist, die ihren Ursprung hier im heutigen Kanton Aargau nahm.

Der Besuch des Klosters Muri ist ohne Wenn und Aber jedem zu empfehlen, egal welche staatspolitischen Präferenzen man hat. Denn Muri ist ein einzigartiger Schatz unseres gemeinsamen kulturgeschichtlichen Erbes. Und buchen Sie unbedingt eine geführte Tour. Es lohnt sich.

JV

Kanton Aargau, CH - Kloster Muri_Klosterkirche St. Martin: Kanzel - © Edith Spitzer, Wien

Lesen Sie unsere Aargau-Habsburger-Serie:

Unser besonderer Dank gilt Herrn Prof. Dr. Josef Kunz, der mit seinem unglaublichen Fachwissen und seiner begeisternden Erzählweise unseren Besuch des Klosters Muri zu einem unvergesslichen Erlebnis gemacht hat.

Unsere redaktionelle Recherchereise im Mai 2026 wurde unterstützt von:
Schweiz Tourismus, Aargau Tourismus, Caspar Drei-Häuser-Hotel, Museum Aargau, Kloster Muri, Tourismus Rheinfelden sowie TourismusRegion Baden.

Spezielle Reiseinformationen zum Thema Habsburger im Aargau finden Sie bei Aargau Tourismus:
aargautourismus.ch/de/erleben/kultur/stammlande-der-habsburger.html

Unser Buchtipp für alle, die mehr über die Anfänge der Habsburger in der heutigen Schweiz erfahren wollen:
Ein Königshaus aus der Schweiz. Die Habsburger, der Aargau und die Eidgenossenschaft im Mittelalter.
Dr. Bruno Meier - Verlag Hier und Jetzt - ISBN 978-3-03919-643-2

 

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