Auf demselben Areal, auf dem das NS-Regime seine Reichsparteitage inszenierte, und in demselben Saal, in dem später die Hauptkriegsverbrecher vor Gericht standen, vermittelt Nürnberg heute Erinnerungen, die nichts beschönigen. Das neue Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände und das Memorium Nürnberger Prozesse machen aus einem schweren Erbe einen Auftrag für die Zukunft.
Die Rolle Nürnbergs ist in der Weltgeschichte wohl einzigartig. Hier ließ sich die NAZI-Führungsriege von Hunderttausenden bejubeln, hier wurden die Rassengesetze verkündet, die Millionen Menschen die Würde und den meisten der Entrechteten das Leben nahmen. Und hier, nur wenige Kilometer vom Zentrum des Diabolischen entfernt, musste sich dieses Gewaltregime wenige Jahre später erstmals vor einem internationalen Gericht verantworten. Nürnberg öffnet beide Kapitel, nicht als abgeschlossene Vergangenheit, sondern als Erinnerungskultur an die Opfer, die bewusst analytisch und erklärend gestaltet wird.
Warum fiel die Wahl der Nationalsozialisten ausgerechnet auf Nürnberg? Die Antwort liegt in der Geschichte, die die Stadt bereits geschrieben hat. Als mittelalterliche Reichsstadt, als Ort der Kaiser des "Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation", der kaiserlichen Reichstage und der Reichsinsignien, verkörperte Nürnberg ein Bild vom „reinen deutschen Wesen“, das sich propagandistisch außerordentlich gut ausbeuten ließ. Von 1933 bis 1938 hielt die NSDAP hier Jahr für Jahr ihre Reichsparteitage ab, nach ersten Aufmärschen, die bereits 1927 und 1929 erfolgten. Aus einem "normalen" Parteitreffen wurde ein vollständig durchchoreografiertes Massenschauspiel, das Millionen im Radio verfolgten und das der NAZI Propagandafilm „Triumph des Willens“ von Leni Riefenstahl über den Reichsparteitag 1934 in eine bis heute beängstigend mächtig manipulative Bildsprache übersetzte.
Für diese Inszenierungen entstand am südöstlichen Stadtrand ein Gelände von rund elf Quadratkilometern. Der Architekt Albert Speer, später Hitlers Rüstungsminister, entwarf einen Monumentalbau, der den Einzelnen ohnmächtig klein und die Masse hingegen überwältigend groß erscheinen lassen sollte. Auf dem Zeppelinfeld ließ er eine gewaltige Tribüne errichten, wo nachts rund 150 Flakscheinwerfer den Nachthimmel in einen „Lichtdom“ verwandelten. Eine zwei Kilometer lange, mit Granitplatten belegte Große Straße führte als Aufmarschachse geradewegs in Richtung Kaiserburg und verband so den größenwahnsinnigen Gigantomanismus der NAZI demonstrativ mit der Aura der vergangenen Kaiserzeit. Als monumentales Zentrum war die Kongresshalle geplant, ein hufeisenförmiger Gigantenbau, der in Anlehnung an das römische Kolosseum für 50.000 Menschen konzipiert war, davon 40TS Sitz- und 10TS Stehplätze. Dieser Bau, der kriegsbedingt nie vollendet wurde, steht bis heute als steinerner Torso am Dutzendteich.
Das Reichsparteitagsgelände war jedoch nicht nur Kulisse von Parteiinszenierungen, sondern auch Ort legislativer Verbrechen mit genoziden Folgen. Am 15. September 1935 trat während des Parteitags eigens ein "gesetzgebender" Reichstag in Nürnberg zusammen und verabschiedete die sogenannten Nürnberger Gesetze. Das Reichsbürgergesetz und das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ entrechteten die jüdische Bevölkerung, schlossen sie aus der staatsbürgerlichen Gemeinschaft aus und lieferten ihrer Verfolgung und schließlich dem Massenmord an ihnen eine pseudolegale Grundlage. Der Name Nürnberg wurde damit unauslöschlich mit einem der dunkelsten Kapitel Deutschlands auf seinem Weg in den totalen Zivilisationsbruch verschweisst, was letztlich auch jedwede Relativierung verbieten würde.
Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Untergang der NAZI-Diktatur verlor das Gelände seine Funktion, nicht aber seine Präsenz. Im April 1945 sprengte die US-Armee das Hakenkreuz auf der Zeppelintribüne – ein Bild, das um die Welt ging und den Zusammenbruch des Gewaltregimes mit symbolisierte. Was blieb, waren die Bauten selbst: zu massiv, um sie einfach zu beseitigen, zu belastet, um sie unbefangen weiter zu nutzen. In den Jahrzehnten danach diente das Areal ganz unterschiedlichen Zwecken. Die Große Straße wurde zum Parkplatz, Teile des Geländes zur Bühne für Konzerte und Motorsport. Lange rang die Stadt um den richtigen Umgang. Erst allmählich setzte sich die (demokratische) Meinung durch, die Relikte nicht gänzlich verfallen zu lassen, sondern, ohne sie nur irgendwie (für Ewiggestrige und andere Verblendete) zu glorifizieren, als authentische Zeugnisse zu erhalten, und ihre Funktion im Gesamtzusammenhang der dunkelsten Geschichte Deutschlands zu erklären. Das Beispiel Nürnberger Reichsparteitagsgelände repräsentiert die nunmehrige Generallinie im Umgang mit (noch) vorhanden NS-Großbauten: nicht restaurieren, sondern konservieren und aufklären.
Den entscheidenden Schritt zu einer offenen Auseinandersetzung mit seiner Erblast setzte Nürnberg mit dem Dokumentationszentrum. 1994 beschloss der Stadtrat seine Einrichtung und 2001 wurde es im Nordflügel der Kongresshalle feierlich eröffnet. Schon die Architektur trug eine Botschaft: Der österreichische Architekt Günther Domenig trieb einen gläsern-stählernen Zugang wie einen Pfahl schräg durch die strenge Symmetrie des NS-Baus – ein bewusster Bruch mit der Formensprache der Täter. Die Dauerausstellung „Faszination und Gewalt“ wurde zu einem Meilenstein der deutschen Erinnerungskultur und zog bis zu 300.000 Besucher im Jahr an, ehe sie Ende 2020 nach knapp zwei Jahrzehnten schloss.
Was folgte, war kein bloßer Neuanstrich. Über fünf Jahre hinweg wurde das Haus grundlegend umgebaut und die Ausstellung vollständig neu konzipiert. Seit Mai 2026 ist das gesamte Gebäude erstmals seit 2020 wieder zugänglich; die neue Dauerausstellung „Nürnberg und die Reichsparteitage“ läuft zunächst im Probebetrieb, die feierliche Eröffnung ist für den 4. November 2026 vorgesehen – auf den Tag genau ein Vierteljahrhundert nach dem Start des Dokumentationszentrums und auf den Tag genau, nachdem Nürnberg 1944 von Alliierten Bombern dem Erdboden gleichgemacht wurde.
Inhaltlich reicht die Schau nun weiter als zuvor: Sie erzählt die Geschichte des Ortes vom Ende des Ersten Weltkriegs bis in die Gegenwart und stützt sich auf interaktive und multimediale Formate sowie auf aktuelle Forschungsergebnisse. Ein Medien- und Recherche-Zentrum lädt dazu ein, sich selbstständig mit der NS-Geschichte auseinanderzusetzen. Auch die Schwelle zum Haus ist niedriger geworden: Ein neuer, barrierearmer Eingang, ein helles Foyer und das von der Noris Inklusion betriebene Café Arthur, in dem Menschen mit und ohne Behinderung zusammenarbeiten, verankern den Anspruch auf Offenheit und Teilhabe im Alltag des Zentrums. Gewidmet ist das Café Arthur Brunner, der aufgrund einer frühkindlichen Infektionskrankheit eine Gehirnschädigung erlitt und von den NAZI als "lebensunwert" ermordet wurde.
Das Kredo des neu gestalteten Dokumentationszentrums ist klar: die kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus soll die Urteilskraft und Widerstandsfähigkeit der (vor allem jungen) Menschen stärken und damit einen elementaren Beitrag zur Demokratie der Gegenwart schaffen. Nicht Inszenierung, sondern Einordnung ist das Ziel: ein Ort, der analytisch erklärt, statt zu überwältigen oder gar zu verblenden.
Wenige Kilometer nordwestlich, im Justizpalast im Stadtteil Bärenschanze, wird die zweite Seite der Nürnberger Geschichte greifbar, jene der Rechenschaft. Dass gerade hier ab November 1945 die NAZI-Hauptkriegsverbrecher vor Gericht standen, war kein Zufall. Mehrere Gründe sprachen für die Stadt: Der 1916 fertiggestellte Justizpalast, das größte Gerichtsgebäude Bayerns, hatte den Krieg vergleichsweise unbeschädigt überstanden, verfügte über einen großen Schwurgerichtssaal und ein unmittelbar angrenzendes Gefängnis, aus dem die Angeklagten durch einen eigens errichteten hölzernen Gang sicher in den Saal geführt werden konnten. Hinzu kam die Lage in der amerikanischen Besatzungszone – und die Symbolik: Wo sich die NAZI inszenierten und von den Massen frenetisch feiern ließen, und wo sie die mörderischen Rassengesetze verkündet hatten, dort sollten sie nun zur Verantwortung gezogen werden.
Am 8. August 1945 hatten die Alliierten mit dem Londoner Statut einen Internationalen Militärgerichtshof geschaffen. Ursprünglich für Berlin vorgesehen, wurde er auf Drängen der USA nach Nürnberg verlegt. Vom 20. November 1945 bis zum 1. Oktober 1946 verhandelte der Internationale Militärgerichtshof im Saal 600 auf Grundlage von vier Anklagepunkten: gemeinsamer Plan und Verschwörung, Verbrechen gegen den Frieden, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Angeklagt waren 24 führende Vertreter des Regimes, wovon über 22 gerichtet wurde. Am Ende standen zwölf Todesurteile, drei lebenslange und vier mehrjährige Freiheitsstrafen sowie drei Freisprüche. In zwölf weiteren „Nürnberger Nachfolgeprozessen“ verhandelten amerikanische Militärtribunale von 1946 bis 1949 am selben Ort gegen Ärzte, Juristen, Industrielle, Militärs und andere Funktionsträger. So wurde Nürnberg zur Geburtsstätte des modernen Völkerstrafrechts – der Idee, dass auch Staatsoberhäupter, Regierungschefs und hohe staatliche Funktionsträger für schwerste Verbrechen persönlich zur Rechenschaft gezogen werden können.
Der Verhandlungssaal 600, der 1916 als gewöhnlicher Schwurgerichtssaal eröffnet worden war, wurde für das Verfahren umgebaut: Die Richterbank drehte man um 90 Grad vor die Fenster, die Anklagebank wurde vergrößert, und die Rückwand fiel weitgehend, um Platz für eine Pressetribüne mit 235 Plätzen zu schaffen, über die die Weltöffentlichkeit teilhaben konnte. Nach den Prozessen kehrte in den holzvertäfelten Raum der Alltag zurück: Über sieben Jahrzehnte blieb der Saal 600 ein Ort der Rechtsprechung, in dem das Landgericht verhandelte. Erst seit dem 1. März 2020 wird er nicht mehr für Gerichtsverfahren genutzt – zum ersten Mal in seiner über hundertjährigen Geschichte. Damit ist seine Wandlung vom Gerichtssaal zum Erinnerungsort vollendet worden.
Über dem Saal, im zuvor leeren Dachgeschoss des Ostbaus, wurde am 21. November 2010 das Memorium Nürnberger Prozesse eröffnet. Auf rund 700 Quadratmetern informiert es über Vorgeschichte, Verlauf und Nachwirkungen der Verfahren. Bewusst verzichtet die Ausstellung weitgehend auf Objekte und setzt auf einen dokumentarischen Charakter; Teile der originalen Anklagebank sowie historische Ton- und Filmaufnahmen lassen das Geschehen dennoch lebendig werden. Die sachliche, unaufdringliche Darstellung folgt einem klaren Prinzip: Die Besucherinnen und Besucher sollen sich ihr eigenes Urteil bilden. Das wichtigste Exponat aber ist der authentische Ort selbst – der Saal 600, in dem Weltgeschichte geschrieben wurde.
Beide Institutionen stehen nicht für sich, sondern für eine bewusste Neubestimmung der Stadt. Nürnberg, das mit seinem "deutsches" Image einst dem NAZI-Regime diente, versteht sich heute als „Stadt des Friedens und der Menschenrechte“. Sichtbarstes Zeichen ist die 1993 vom Israelischen Künstler Dani Karavan geschaffene Straße der Menschenrechte am Germanischen Nationalmuseum; seit 1995 verleiht die Stadt zudem alle zwei Jahre den Internationalen Nürnberger Menschenrechtspreis. Der rote Faden, der im Saal 600 seinen Anfang nahm, lässt sich bis in die Gegenwart ziehen: 1948 verabschiedeten die Vereinten Nationen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und die Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes, und die in Nürnberg entwickelten Grundsätze wirken bis zum heutigen Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag fort. Mit der Internationalen Akademie Nürnberger Prinzipien ist am historischen Ort überdies eine gemeinnützige Stiftung entstanden, die sich weltweit für die Förderung des Völkerstrafrechts und der Menschenrechte einsetzt.
Nürnberg nimmt heute eine wichtige Rolle in der unverzichtbaren Erinnerungskultur ein. Beide Schauplätze ergänzen sich zu einer klaren Botschaft. Das Dokumentationszentrum zeigt, wie eine Gesellschaft in fatale Verführung und exzessive Gewalt geriet; das Memorium zeigt, wie die zivilisierte Staatengemeinschaft darauf mit den Mitteln des Rechts antwortete. Beide Erinnerungsstätten verzichten strikte auf jede, auch nur theoretisch mögliche "beschönigende" Darstellung der Verbrechen. Man ist sich bewusst, dass, weil das Erbe so schwer wiegt, jede (auch nur unbeabsichtigte) Relativierung einem Verrat an den Opfern gleichkäme.
Für das heutige Deutschland sind sie damit viel mehr als Museen. Sie sind Lernorte, die den Zusammenhang zwischen historischer Aufklärung, wachsamer Urteilskraft und lebendiger Demokratie greifbar machen. Und für die Hunderttausenden, die aus aller Welt anreisen, senden sie eine unmissverständliche Botschaft: Erinnerung ist keine lästige Pflichtübung, sondern eine immerwährende Aufgabe, die jede Generation neu annehmen muss, damit aus dem Wissen um das Geschehene Verantwortung für die Zukunft erwächst. Es geht nicht darum, die heutige deutsche (und österreichische) Jugend für verbrecherische Geschehnisse der nationalen Vergangenheit zur Verantwortung zu ziehen, sondern es geht vielmehr darum, mit ihr gemeinsam das Geschehene aufzuarbeiten, zu begreifen und dafür zu sorgen, die gemeinsame Zukunft friedlich und menschenwürdig zu gestalten. Und es nicht zuzulassen, dass von verblendeten, machtgierigen Fanatikern wieder alles Erreichte in Schutt und Asche gelegt wird!
Die Recherchen zu diesem redaktionellen Artikel wurden freundlicher Weise von der Congress- und Tourismus-Zentrale Nürnberg www.tourismus.nuernberg.de unterstützt.