Poetovio war eine der größten und reichsten Städte des spätrömischen Reiches ausserhalb Italiens. Mit dem Untergang Roms ging auch Poetovio unter. Heute, fast zweitausend Jahre später, erinnern nicht nur archäologische Ausgrabungen, sondern auch ein dreitägiges Fest an die einstige Metropole an der Drau.
Die Idee, der Geschichte der mächtigen antiken Stadt Poetovio spielerisch Leben einzuhauchen, entstand schon in den frühen 2000er Jahren, als die ersten konkreten Gespräche mit den Veranstaltern der (später UNESCO geadelten) Kurentovanje Umzüge in Ptuj geführt wurden. Letztlich vergingen aber nochmals 8 Jahre, ehe die ersten offiziellen Römischen Spiele 2008 in der Therme Ptuj (Terme Ptuj) eröffnet werden konnten.
Von Anfang an war diese Veranstaltung auf eine Dauer von 3 Tagen abgestellt, immer im August eines jeden Jahres. Die ersten 5 Jahre war die Therme/Terme Ptuj Veranstaltungsort, dann übersiedelte man für die nächsten 3 Jahre aufs Areal des I. Mithräums (ein antiker Tempel des Mithras-Kultes) in der Ortschaft Hajdina, südwestlich von Ptuj.
Seit 2016 finden die Römischen Spiele auf einem riesigen, 4 Hektar großen Areal im Ortsteil Štuki statt, das sich rund 2 Kilometer außerhalb des Stadtzentrums, links der Drau befindet. Das, im Privateigentum befindliche Gut, war eine ursprüngliche Apfelplantage, die speziell für die Erfordernisse dieser historischen Spiele adaptiert wurde und eine fürwahr authentische Kulisse des antiken Umfelds darstellt. Mentor und unermüdliche Energiequelle der Römischen Spiele Ptuj ist Andrej Klasinc, der einen ganzen Stab von wissenschaftlichen Beratern und Experten hinter sich vereint, um den Besuchern einen möglichst präzisen Einblick in das Leben des antiken Poetovio bieten zu können.
Ein Zeitsprung um 2.000 Jahre zurück in die Antike ist mitunter eine nervenaufreibende Organisationsarbeit. Vor allem, wenn man den Anspruch erhebt, authentisch zu sein, was für Andrej Klasinc ein kompromissloses Muss ist.
Über 1.400 römische Gewänder mussten angefertigt werden. Vom einfachen Bauern, über Handwerker, Bürger und Priesterinnen bis hin zu den politischen Eliten, den Senatoren. In allen Größen und Formen, für Frauen und für Männer. Und dann noch die Uniformen und Waffen der Soldaten. Ein unvorstellbarer Kraftakt, der ein Netzwerk voraussetzt, das bis zu den Requisiteuren des Hollywood Blockbusters Gladiator reicht.
Selbst so alltägliche Dinge wie Essen und Trinken können zur ultimativen Herausforderung werden. Die alten Römer liebten Speis und Trank und zelebrierten die Mahlzeiten ausgiebig, was natürlich auch teil der heutigen Römischen Spiele ist. Nur, jetzt kommt’s dick, denn sehr viel der Lebensmittel, die aus unserer modernen Küche nicht wegzudenken sind, gab es damals schlichtweg nicht. Kartoffeln, Mais, Paprika, Tomaten. Fehlanzeige.
Selbst den Wein, den wir heute kennen, gab es in dieser Geschmacksausrichtung nicht, gleichwohl die Römer Wein, so auch den süßen, stark gewürzten Mulsum, in unvorstellbaren Mengen tranken. Überhaupt haben die Römer kulinarisch einiges geliebt, was heute wohl nicht mehr so gut ankäme. So sind kleine Kompromisse - moderne „Interpretationen“ - durchaus willkommen.
Das Drehbuch der Eröffnungsspiele 2008 passte auf gerade einmal 2 Seiten, mit größerer Schrift. Heute, 2026 und 19 Spiele später, wird alles stabsplanmäßig vorbereitet. Nach einem riesigen Andrang an schauspielerisch Interessierten in der Vor-Corona-Zeit, haben sich die Organisatoren auf nunmehr maximal 800 Laiendarstellern aus 8 verschiedenen Ländern verstanden. Das ist jene Grenze, so Andrej Klasinc, die vernünftig handhabbar ist, eine Größe, die einen optimalen Ablauf zulässt und das Beste für Laienschauspieler, Publikum und wissenschaftliche Authentizität bietet. Denn die Römischen Spiele sind nicht als kommerzielle Geldpresse ausgelegt, mit dem Anspruch auf ultimative Gewinnmaximierung. Spaß, Freude, soziale Geselligkeit und die gemeinsame Sinnstiftung sind die vorrangigen Motive dieses Unterfangens.
Anfang Jänner startet die Detailplanung für August, doch Dank moderner Kommunikationsmittel stehen die Protagonisten das ganze Jahr über im Austausch. Ideen werden eingebracht, Verbesserungsvorschläge unterbreitet, eventuelle Schwachstellen analysiert. Dann wird regelmäßig geübt, vor allem bei den Legionären. Lateinische Befehle, Formationen, wie die berühmt-berüchtigte Schildkröte, Kampfszenen (vor allem mit den „Barbaren“). Aber auch die anderen Charaktere sind in die Vorbereitung aktiv eingebunden. Es werden Tonwaren produziert, Spiele für die Kinder entwickelt, römische Rezepte getestet, Wein nach römischer Art gekeltert oder Lehrmittel für die Vermittlung des römischen Zivillebens konzipiert. Denn auch wenn der Kommerz nicht im Vordergrund steht, sind die Römischen Spiele in Ptuj nicht bloß ein Auftritt von historisch Kostümierten, sondern ein 3-tägiges, möglichst reales Abbild des antiken Poetovio.
Die Choreografie folgt einem festen Schema. Freitag abends findet die offizielle Eröffnung im Römischen Lager statt. Mit einem Aufmarsch ausgewählter Protagonisten, Ehrengästen, Festreden (größtenteils auf Slowenisch, teilweise auf Englisch) , Showeinlagen (römische Tänzerinnen, Feuerartisten, Musiker) und einem römischen Festessen, aber verständlicherweise ohne die damals üblichen Liegen. Man isst hier im Römischen Lager von Ptuj im Stehen oder setzt sich hin, wo immer man Platz findet, und es gibt auch neuzeitliches Besteck. Kleiner Haken: das Festessen ist nur für geladene Gäste gedacht. Sollte sich das ändern, werden wir Sie informieren.
Samstags ist der Tag des großen römischen Umzugs in der Altstadt von Ptuj und eines spektakulären Festaktes mit Shows und Darbietungen am Marktplatz, in unmittelbarer Nähe zur Stadtkirche und dem legendären Stadtturm (Kirchturm). Ein tolles Spektakel für Alt und Jung, doch wer gut sehen möchte, der sollte sich rechtzeitig um einen aussichtsreichen (Steh-)Platz am Markt kümmern. Äußerst beliebt sind die Fotoshootings der Protagonisten beim Orpheusdenkmal vor dem Stadtturm (Kirchturm). Nach einer verdienten Pause, geht das Fest abends im Amphitheater des Römischen Lagers mit spektakulären Darbietungen weiter.
Am Sonntag, dem dritten und letzten Tag der Römischen Spiele ist der beliebte Kinder- und Familientag im Römischen Lager. Es gibt zahlreiche Spiele und jede Menge an Informationsständen, die über das zivile Leben der Antike berichten. Nicht nur sehr informativ für die Kids, sondern auch für die Generation 50+. Ein Höhepunkt ist die sogenannte Weinlese, bei der die Trauben für die „beliebten“ römischen Tropfen des nächsten Jahres geerntet werden. Dazu gibt es jede Menge spektakulärer Gladiatoren- und Kampfeinlagen, sowie künstlerische Darbietungen. Abgeschlossen werden die Römischen Spiele mit einer feierlichen Weihe für die nächsten Spiele. Dazwischen gibt es immer wieder Möglichkeiten, rustikal zu essen.
Als Unterkunft für eine Reise zu den Römischen Spielen in Ptuj kommt wohl nur ein Hotel in Frage. Jedenfalls dann, wenn man dem römischen Motto treu bleiben möchte. Selbstverständlich ist das Grand Hotel Primus keine archäologische Ausgrabung, sondern ein top modernes 4 Sterne Thermalhotel der bekannten Slowenischen Hotelgruppe Sava. Das Areal ist riesig und umfasst neben dem Grand Hotel noch zahlreiche weitere Unterkünfte, wie Bungalows oder Apartmenthäuser, einen Campingplatz, einen Golfplatz und die Therme/Terme Ptuj.
Der Name des Hauses steht auch für sein Programm, das der altrömischen Badekultur entlehnt ist. Herzstück der Edelunterkunft ist der Wellnessbereich Valens Augusta, das auch optisch antike Züge aufweist. Die Verbindung mit der großen römischen Vergangenheit von Ptuj, Poetovio, wird im Empfangsbereich des SPA hochgehalten. Speziell dafür geschaffene Wandbilder erklären sehr anschaulich die Gewohnheiten und Vorlieben, die Götterwelt und das zivile Leben der Bewohner von Poetovio.
Die Speisen, je nach dem welches Package man gebucht hat, werden Morgens, Mittags und Abends in Form von reichhaltigen Buffets im Hotelrestaurant angeboten. Zu kurz kommt da niemand, es besteht vielmehr die Gefahr, dass man die Teller zu oft zu voll nimmt. Wasser (aus der Leitung) gibt es kostenfrei, ansonsten bestellt man zu akzeptablen Preisen bei den bemühten Servierkräften. Weintrinker sind etwas bevorzugt, denn die edlen Tropfen sind relativ günstig. Wer den Abend zum Beispiel mit einem Buch über das römische Poetovio ausklingen lassen möchte, der ist in der bequemen Hotelbar gut aufgehoben. Bei dem einen oder anderen Glas exzellenten (und günstigen) Wein wächst die Vorstellungskraft, wie so ein Leben im alten Poetovio wohl ausgesehen haben mag.
Zwar ist die Lage des Grand Hotel Primus wunderbar ruhig und relaxt, aber vom Römischen Lager und seinen Attraktionen doch weiter entfernt. Ohne Auto, oder jedenfalls einer Mitfahrgelegenheit geht da nichts. Zur Altstadt von Ptuj sind es zu Fuß auch rund 15 bis 20 Minuten pro Strecke. Aber was soll’s, Bewegung hält fit und hilft die leckeren Kalorien vom Hotelrestaurant abzubauen.
Ptuj ist eine großartige Reisedestination im Herzen der slowenischen Steiermark. Die Stadt ist reich an Kultur und Geschichte. Und dennoch überschaubar und bodenständig. Eine Punktlandung für alle, die gutes Essen und Trinken mögen und an einer vielseitigen Naturlandschaft interessiert sind. Und Ptuj lüftet spielerisch so manches Geheimnis, das fasziniert. So seine antiken Wurzeln. Ptuj, oder besser: Poetovio war eine der größten und mächtigsten Städte im Imperium Romanum nördlich von Italien. Etwas, was nicht jede alte Römerstadt von sich behaupten kann.
An den wichtigsten Handelsrouten der Antike (u.A. der Bernsteinstraße) gelegen und ein starkes militärisches Bollwerk gegen die wilden Barbaren. Letztlich hat es aber nichts genützt. Poetovio ging mit dem weströmischen Reich vollkommen unter und wurde faktisch ausradiert. Selbst das spätere Pettau wurde abseits der antiken Grundfesten aufgebaut. Dank modernster Technik und akribischer Wissenschaft weiß man heute sehr viel mehr vom antiken Poetovio, und manches kann man sogar wieder sehen. Anlass genug für eine Schar von antiken Enthusiasten, einmal im Jahr die gute römische Zeit auferstehen zu lassen. Die Geburt der Römischen Spiele von Ptuj.
Das 3-tägige Fest im August kann man natürlich nicht mit dem UNESCO-Giganten Kurentovanje (im Februar) vergleichen, aber es spiegelt doch punktgenau die historischen Wurzeln der Stadt wieder, als hier an der Drau eines der modernsten Zentren der damaligen Welt lag. 2027 wird das 20-Jahr-Jubiläum der Rimske Igre, der Römischen Spiele von Ptuj gefeiert. Ein sehr guter Grund, wieder nach Ptuj zu reisen!
Abschließend möchte ich noch der bekannten slowenischen Archivarin und Historikerin Marija Hernja Masten danken, die mir mit ihrem unerschöpflichen Wissen und ihrer liebevollen eloquent-witzigen Weise - nach Kurentovanje - nun auch die Römischen Spiele und das alte Poetovio wissenschaftlich präzise und gleichzeitig sehr verständlich näher gebracht hat. Danke auch an die Archäologin Aleksandra Nestorović vom Regionalmuseum Ptuj-Ormož, für die Einführung in den Mithras-Kult und die Führung durch die beiden Tempel (I. und III. Mithräum). Ein extrem komplexes Thema, an dem man ohne solch kompetenter Begleitung wohl scheitern würde. Und last but not least auch ein großes Dankeschön an Vilma Angel, die nicht nur im Hintergrund die organisatorischen Fäden gezogen hat, sondern mich auch vor Ort tatkräftig unterstützt hat.
Wer sich noch intensiver mit der römischen Antike, insbesondere mit der Römischen Armee beschäftigen möchte, der/dem sei das aktuelle Buch von Ivan Tušek ans Herz gelegt. Das Buch wurde in slowenischer und englischer Sprache herausgegeben und beschreibt das römische Heer und Militärwesen (original Titel in Englisch: The Roman Army in the Republic and the Roman Empire, and Roman Soldiers Tombstones from Poetovio). Herausgeber Verein POETOVIO LXIX. ISBN 978-961-290-340-4.