Dichtung als Wahrheit
Tiefe Gefühle und romantische Verwicklungen, böse Enttäuschungen und viel Happy End: die Dichterin Jane Austen, die große Romantikerin, lässt sich zu ihrem 250. Geburtstag in der Heilbrunnen-Stadt Bath im Westen Londons, idyllisch zwischen Hügeln eingebettet, feiern, ehren – und nützen. Heuer strömt man noch häufiger als in anderen Jahren in die schon Römern durch ihre heißen Quellen - übrigens die einzigen in ganz England - lieb gewordene Siedlung am Fluss Avon, liest ihre Romane noch begeisterter. Sondereditionen wurden herausgebracht, Ausstellungen, Kostümbälle, Events machen noch neugieriger auf ihre Geschichten. Etwa 40 Filme und TV-Serien haben seit den 1950er Jahren romantische Helden und Heldinnen geschaffen, die auch heute zum Seufzen und Schwärmen bringen. Und Fans aus der ganzen Welt, sogar mit selbst genähten und bestickten Kleidern und Uniformen ausstaffiert, beleben zum Jubiläum besonders oft die Straßen, die Bälle und Paraden.
Jane Austin
Wer nach etwas mehr als einer Stunde, von London/Paddington kommend, aus dem Zug steigt, durch elegante Gassen zum Zentrum von Bath schlendert, einer kleinen Stadt (10.000 Einwohner) mit großer Geschichte, ist sehr schnell in der Vergangenheit angekommen. Auch wenn gerade keine als junge Damen des romantischen Zeitalters verkleidete Mädels mit Krinoline, Hütchen und Fächer vorbeihuschen. Vor allem verdankt Bath seinen Ruf als Treffpunkt von Reich und Schön „Beau“ Nash, dem schönen Richard Nash, auch „König von Bath“ genannt, britischer Dandy des 18. Jahrhunderts. Er war die anerkannte Autorität für richtiges Benehmen, passende Kleidung und eleganten Lebensstil und übernahm 1705 die Funktion des „Zeremonienmeisters“ im damals noch recht stillen Kurbad. Von Mai bis Oktober eilte man nun von Tee-Einladung zum Kartenspiel, von Maskerade zum Tanzball, von Konzert zum Pferderennen – ein Las Vegas des 18. Jahrhunderts.
Alles war genauest vorgeschrieben, die Besuchszeiten und ihre Länge, wann man promenieren sollte, um gesehen zu werden und die passenden Leute zu treffen und grüßen (auch, wer wen zuerst grüßen durfte), auf welchen Bällen in welcher Begleitung und wie lange man unbedingt erscheinen musste. Die „Rules of Bath“ hingen in den „Assembly Rooms“, wo man sich gerne traf, aus, wurden auch in den Pump Rooms verlesen, wo man „Taking the Waters“ absolvierte (das Trinken von Heilwasser), um jedermann mit den Regeln der Guten Gesellschaft vertraut zu machen. Nash wollte damit, durchaus sozial gedacht, die Aristokratie und das Bürgertum auf ein gemeinsames, höfliches Niveau bringen.
So durfte das Kartenspielen erst abends um punkt sechs Uhr beginnen, aber nicht vor elf Uhr enden. Auch Tanzen war vor sechs Uhr unpassend - aber auch nach elf Uhr, damit Damen in Sicherheit heimkehren könnten. Kein Gentleman durfte eine Dame zum Tanz auffordern, wenn er ihr nicht vorgestellt worden war. Schwerter, Mützen oder Hüte waren in Gesellschaftsräumen streng verpönt. Und Unhöflichkeit, ungeachtet des Standes oder Ranges, streng untersagt. Selbstverständlich war die richtige Kleidung, der richtige Schal-Knoten, wie man Schmuck trägt oder mit dem Fächer winkt, wen man wie lange ansieht oder worüber man plaudert, eine ständige Falle für Peinlichkeiten – die dann auch überall herumerzählt wurden.
Vor allem war Bath ein wichtiger Heiratsmarkt. Da gab es dann sehr wohl Standesdünkel, wer zu wem passen könnte oder dürfte, ob dieser Junggeselle oder jener Witwer für die Töchter in Frage käme. Wo man ihn ganz zufällig - aber immer wieder - treffen könnte, wurde genau geplant, wie auch die eigene Adresse sehr sorgfältig ausgewählt, mit der man dann zeigte, dass man sich ein Haus in einer vornehmen Straße leisten konnte und eine standesgemäße Partie war.
All das schildert Jane Austen in ihren Romanen. Bath, und vor allem die Gesellschaft, die hier ihre Sommer verbrachte, beschreibt sie höchst sarkastisch. Man kann ihr und ihren Heldinnen und Helden, für die sie sich oft durch Zeitgenossen inspirieren ließ, durch kleine Gassen, über geschäftige Brücken und in kleine Bäckereien folgen. Man kann vor „ihren“ Schaufenstern stehen, mit ihr durch idyllische Parks und vorbei an royalen Häuserzeilen wandeln, sie in ihrem Haus besuchen. Oder einen Besuch bei ihren Freunden und Verwandten beim berühmten „Royal Crescent“ machen, dem „Königlichen Halbmond“, einer weitläufigen, geschwungenen Häuserzeile mit Säulenarchitektur: im „Royal Crescent Museum“ plaudern virtuelle Jane-Austen-Figuren miteinander und mit den Besuchern in original ausgestatteten Räumen aus dieser Zeit. Hat man noch ein wenig vom Heilwasser geschlürft und die römischen Bäder im Original bewundert, wird es Zeit, den Five O’Clock Tea mit passenden Keksen oder gar Scons, mit dickem Rahm (Devonshire Cream) und Erdbeermarmelade bestrichen, einzunehmen, den kleinen Finger vielleicht ein wenig abgespreizt für das elegante Feeling der Upper Class um 1800. Vielleicht mit Blick auf den Avon: die Pulteney-Brücke über diesen Fluss - eine der wenigen von Geschäften und kleinen Lokalen gesäumten Brücken, die es auf der Welt gibt - wurde von Robert Adam erbaut, um seiner Frau die tägliche Überfuhr mit dem Boot zu ersparen. So erzählt man. Die darunter liegenden, ovalen Wassertreppen lassen den Avon ruhiger fließen, die Brücke spiegelt sich perfekt in den glatten Staustufen: sogar ein Fluss wirkt hier elegant. Die berühmten Straßenzeilen wie „The Circus“ und der erwähnte „Royal Crescent“, in dem typischen, gelblichen „Bath Stone“ erbaut, die „Assembly Rooms“ und „Pump Rooms“ wurden zu Vorbildern vornehmer Architektur, auch in London.
Ein anderer Blickwinkel, ein Jahrhundert später: Das Museum „Bath at Work“ zeigt die Auswirkungen der Industriellen Revolution auf das täglich Leben, es zeigt Maschinen, Werkzeug, Werkstätten, man kann ein Hartwarengeschäft besuchen und eine rekonstruierte Mine, in der der Bath Stone gebrochen wurde; und man erfährt über die Entstehung des Tennis, wie es ursprünglich gespielt wurde; auch, wie man ein Korsett herstellte oder Webstühle bediente.
Charles Dickens
Zu diesem Thema, zum Milieu der Arbeiter, hat ein dafür berühmter Dichter in London seine Spuren hinterlassen: Charles Dickens. Was er in jungen Jahren erlebte, als sein Vater ins Schuldnergefängnis kam und er, noch ein Kind, mit vielen anderen in einer Fabrik Schildchen auf Flaschen mit schwarzer Schuhcreme kleben musste, das Elend, das er da kennen lernte, verarbeitete er zu berühmten Romanen, und änderte damit den Blick der viktorianischen Gesellschaft auf Armut, Kindheit und soziale Ungerechtigkeit. Wie mit der jährlich überall zu Weihnachten aufgeführten „Weihnachtsgeschichte“ („A Christmas Carol“), 1843 als „Ghost Story of Christmas“ erschienen, in der ein reicher Geizkragen einsieht, dass nicht Geld, sondern Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft glücklich macht: Dickens war das neu entstandene schlechte Gewissen der Nobility zu verdanken, das zu einer Welle an privaten Spenden führte, zu Sozialreformen und karitativen Initiativen, zur Verbesserung von Armenhäusern, zu einer Überarbeitung des „Poor Law“. Viele Wohltätigkeitorganisationen des 19. Jahrhunderts, die gegen Kinderarbeit, Analphabetismus und für Schulreformen eintraten, beriefen sich auf seine Werke, wie „Oliver Twist“, „Nickolas Nickleby“ und „Bleak House“, „Hard Times“ oder „Great Expectations“.
Im Dickens-Museum kann man sein Privatleben verfolgen, seinen Schreibtisch bewundern, seinen Anzug, seine Brille, die Feder, mit der er schrieb, und die Pinsel, Rasiermesser und Bürsten, mit denen er seine Morgentoilette machte. Wie auch Original-Handschriften. Und wer die damalige Zeit (und Dickens) noch besser verstehen will, besucht auch das „Ragged School Museum“ im Stadtteil Mile End, ein weniger besuchter Stadtteil von London, am Regent’s Canal gelegen. Diese Schule für obdachlose Kinder – oft war der Vater verstorben, und die Mutter konnte nicht mehr für ihre vielen Sprösslinge sorgen - wurde 1877 in umgebauten Lagerhäusern eröffnet. Von einem Dr. Thomas John Barnardo, der wie viele andere statt nach Afrika nach London zog, um als Missionar zu arbeiten, nachdem er in Spitalsfield erlebt hatte, wie Kinder aus armen Arbeiterfamilien hausen, betteln und oft verhungern mussten. Er gründete 1868 die East End Juvenile Mission in Hope Place und eröffnete später das „Home for Working and Destitute Lads“, für mittellose, verwarloste Buben, um ihnen eine Ausbildung und Unterschlupf, eine Familiengemeinschaft zu bieten. Es wurde auch bald für Mädchen gesorgt, wie im Grove House Girl’s Home und verschiedenen kleineren Heimen, in denen Nähen, Kochen und Hausarbeit erlernt wurde, um sie auf ein selbständiges Leben vorzubereiten. Ausflüge und Ferienaufenthalte wurden organisiert, Abendkurse, Theateraufführungen, Musikunterricht, Bastel- und Malstunden, Fußball, Cricket, Spieleabende - und gemeinsame Feste, die sie oft nur vom Hörensagen kannten, wie Weihnachten. An diesem „Originalschauplatz“ vieler Charles-Dickens-Romane sitzt man im alten Klassenzimmer, steht in der nachgebauten Wohn-, Schlaf- und Arbeitsstätte armer Londoner und erfährt, was Armut und Hilfe damals bedeutete; was vor dem Verhungern rettete (oft Linsen-, Bohnen- oder Erbsensuppe mit Brot) und wie tausende Kinder dank Dr. Barnardo den Winter überlebten.
Wer Lust auf einen weiteren Romanschauplatz hat, besucht das Sherlock Holmes Museum in Londons Baker Street. Natürlich kein Original, aber durchaus originell den Romanen von Arthur Conan Doyle nachempfunden, von der Pfeife bis zur Geige, vom Medizinschrank bis zum Nachttopf ein nettes Sammelsurium an Einrichtung aus dem späten 19. Jahrhundert.
Infokasten
Über die vielen Aktivitäten, die heuer in Bath passieren:
https://visitbath.co.uk
Ein besonders nettes, kleines Hotel mit Stil und viel Freundlichkeit nahe Zentrum und mit Aussicht auf einen Park, The Roseate Villa:
https://www.roseatehotels.com/bath/theroseatevilla/
Die berühmten „Buns“, von denen Jane Austen sagte: „Disordered my stomach with Bath Buns“, vermutlich, weil sie zu viele davon aß:
https://www.shopsallylunns.co.uk
Wenn man Figuren – oder vielleicht Verwandte? – von Jane Austen besuchen will:
https://no1royalcrescent.org.uk
Das Haus, in dem Jane Austen mit ihrer Familie gewohnt hat, wo man auch den traditionellen „High Tea“ erleben kann:
https://janeausten.co.uk
Die späteren Entwicklungen, die „Industrielle Revolution“ in Bath, die „Erfindung“ des Tennis:
https://museumofbath.org
Hier lebte Dickens drei Jahre mit seiner vielköpfigen Familie, hier schrieb er „Oliver Twist“, Nicholas Nickleby“, hier beendete er die „Pickwick Papers“:
https://dickensmuseum.com
Die Schule, die tausende Kinder rettete:
https://raggedschoolmuseum.org.uk
Eine Adresse mit Geschichte, auch, weil Baker Street 221B einst Sitz der Abbey National Bank war, und alle Briefe an den berühmten Detektiv von einer eigens von der Bank dafür angestellten Sekretärin bearbeitet wurden, bis man das Haus 2002 dem Museum überließ:
https://www.sherlock-holmes.co.uk
Ein Beitrag von Elisabeth Hewson.


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